Neueröffnung! Discounter namens ‚Diss-Counter‘ – tiefer als die Preise gehen nur die Beleidigungen

Bewusst oder nicht gewusst?

Was wie ein Rechtschreibfehler wirkt, ist durchaus gewollt und ein gewagtes Experiment: In Berlin hat überraschend ein Geschäft seine Pforten geöffnet: Disscounter prangert in roten Lettern auf gelbem Hintergrund.

Eine Reise ins Englischwörterbuch, eine Suche im deutschen Duden zum Thema Anglizismen verrät: Jemanden zu dissen kommt von to diss, was beleidigen, blöd anreden und niedermachen heißt. Als wohlerzogene Deutsche, die sprachlich Wert auf Zucht, Ordnung und Zwangsdeutschübersetzung legen, mussten wir dieser Sache natürlich auf den Grund gehen und statteten dem Markt einen Besuch ab.

Es ist sechs Uhr morgens. Wir sind aus dem tiefsten Bayern angereist, verbrachten die Nacht in unserem Bus. Die Laune ist gelinde nicht nur am Boden, sondern bereits durch den Gully in die Kanalisation gespült worden. Ob das bereits ein unschönes Omen ist?

Es scheint so. Der Parkplatz ist schlecht beleuchtet, die Mülleimer überfüllt. Uns ist kalt, der Tonmann hat wieder mal verschlafen und nach vier Bier hackedicht die Kaffeekanne vollgebrunzt, dem Kameramann bekam der extrascharfe Döner genauso schlecht wie den zwei Tankstellentoiletten, die er in das Stadium der Renovierungsbedürftigkeit brachte.

Doch wir sind pünktlich. Und der Mann, mit dem wir verabredet sind, ist es auch. Gerhard Schmidmüller ist sein Name. Er ist Marktleiter vom ersten Disscounter – und wie wir feststellen, eine derb fette Sau von ausgebranntem Penner, wie man ihn sich vorstellt und die Definition von „Bahnhofspenner“ sein dürfte. Die Hakennase, geschwollen vom Saufen, die Brusttasche vom Flachmann ausgeleiert und die Wampe so tief hängend wie seine Augenringe.

Früher Morgen, früher Hass

Das Bildnis zeigt sich uns, nachdem Schmidmiller direkt neben dem Eingang mit dem Urinieren fertig ist, sich beim Herkommen den Hosenstall halbherzig zumacht und uns die Hand schüttelt.

Kaffee oder einen guten Morgen bietet er uns nicht an, sondern legt gleich los. Er weiß ja, weshalb wir hier sind. „Über zwanzig Jahre bin ich jetzt in dem Scheißberuf“, stöhnt der dezent Fertige, genehmigt sich den ersten Zigarillo und kratzt sich am Hintern. „Zuletzt war ich bei einem der ganz Großen angestellt. Da aber bekam ich schon das Kotzen, wenn ich auch nur die erste Mistfresse sah und auch noch anlächeln und einen verfickten guten Morgen wünschen musste. Man wünscht dem Chef einen guten Tag, ehe man acht Stunden lang keinen guten Tag haben wird.“

Was ihn denn am meisten aufrege, fragen wir, und begleiten ihn zum Personaleingang auf der Seite, den er aufsperrt. „Menschen“, sagt er allgemein und rotzt auf den Boden, direkt auf die Schuhe unseres Tonmanns.

Als wir die Frage etwas genauer definiert haben wollen, sagt er schließlich: „Ja gut, nicht die Menschen an sich. Zumindest nicht alle. Jeder muss einmal einkaufen, das verstehe ich. Aber wenn so ein fetter Ultrawichser abends um zehn Minuten vor Ladenschluss kommt und noch einen Großeinkauf starten will – dann reißt mir die Hutschnur. Das sind mit Sicherheit die gleichen Oberarschlöcher, die beim Pizza-Lieferdienst zehn Minuten vor Ende noch anrufen und mit neun Bier in der Visage zehn Pizzen bestellen. Humaner Abschaum eben. Bereit für den Erschießungsstand.“

„Vermutlich sind es immer die gleichen dummen Sprüche, die man hört?“, frage ich. „Freilich“, sagt er und zündet sich im Lager eine Zigarette an, während zwei Mitarbeiter stumm und in geduckter Haltung an uns vorbeigehen und an der Stechuhr einchecken. „Jeden Tag steht ein Wichser auf, und jeden Tag könnte ich einen davon mit ’nem Kinnhaken dermaßen wegballern, dass ihm die Scheiße aus den Ohren spritzt. Und wenn noch einmal jemand sagt ‚Dann kostet es nichts, haha‘, wenn der Piepser an der Kasse nicht geht, breche ich jemanden das Gesicht am Einkaufswagen.“

Erhoben wir das nur das Wort

Marktleiter Schmidknüller aber weiß, dass er nicht handgreiflich werden darf, sondern nur mit Worten verkrüppeln darf. „Aber nein“, hebt er beschwichtigend die von Nikotin gefärbten Nikotinfinger der Rechten und deutet auf ein großes Schild hinter uns. Dort sind die Regeln aufgelistet, fast wie die Zehn Gebote.

„Rechtlich darf ich natürlich nicht handgreiflich werden. Den ganzen Idioten kann ich also nur Worte entgegenbringen. Aber hier gibt es Regeln. Explizit ausgenommen sind Beleidigungen über Religion, Sexualität, Behinderungen und rassistische Kommentare. Der Rest aber?“ Ein verschmitztes Grinsen huscht über seine Züge, sein aufgedunsenes Gesicht und der Dreitagebart verkommen zu einer Grimasse, die Knöpfe am Hemd ächzen, als er sich etwas aufbäumt, als bereite er sich auf eine Schlägerei vor.

„Ins Gesicht schlagen geht natürlich nicht. Aber verbale Low-blows und wörtliche Leberhaken sind natürlich immer drin.“

Gerhard schmidtmüller, marktleiter

Inspiration fand der arschfertige Marktleiter bei seinem letzten Besuch in Amerika, bei dem er ein Restaurant namens Karen’s Diner besuchte. Wie der beschissene Name und zahlreiche Blogs verraten, ist hier alles so mies wie alle Karens und Kevins zusammen. Hier will man sich nicht allzu genieren, Pöbelhaftigkeit zu generieren. Es ist Teil der Firmenphilosophie, den Kunden unfreundlich zu behandeln. Und das kommt dort gut an. „Warum also auch nicht in Deutschland den Kunden eine Kost- und Kotzprobe der eigenen Medizin geben?“

„Die Weltsicht über uns Deutsche ist hart, aber wahr. Wir haben absolut keinen Humor, kein Rückgrat, dafür dauerhaft einen Stock im Arsch. Quasi die größten Idioten unserer eigenen Nation, und die Vollidioten der Welt. Was konnte schon schiefgehen? Und weil mir schon alles egal war und sich meine Frau ohnehin vom Nachbar durchballern und mich dafür alleine ließ, dachte ich, das versuche ich mal. Irgendwie muss man den Frust ja zur Lust werden lassen. Und wenn die ersten angepissten Kunden schon um sieben Uhr morgens kommen und mich anfotzen müssen, fotze ich eben zurück. Und es tut so gut!“

Ein Konzept, von und für Kotzbrocken

Wir begleiten Herrn Shitmüller durch den restlichen Tag. Er und die Angestellten wechseln kein einziges Wort miteinander. Warum das so ist, wollen wir wissen. „Wer täglich mit Menschen zu tun hat, beginnt Menschen zu hassen. Egal ob Einzelhandel, Pflege, Paketfahrer. Das Einzige, was Linderung verschafft, ist die Stille. Deshalb reden wir in der Firma nicht miteinander, oder nur das Aller-aller-Notwendigste.“

Wir befinden uns bereits im Geschäft selbst, passieren die vier Kassen, kommen am Eingang vorbei. Die anfängliche Stille verschwindet mit dem Aufleuchten greller Neonröhren, die ihr Licht auf die Waren und einräumenden Mitarbeiter werfen, die durch die Abteilungen wuseln und Obst- und Gemüseregale bestücken. Der fertige Marktleiter Shitmüller schaltet das Radio an.

Schlucken oder ducken?

„Was ist das?“, fragen wir nach, als alles andere, nur keine angenehme Musik kommt. „Eine Playlist mit den besten Dissraps“, sagt er. Die Musik ist aggressiv und stimmt aufs Kaufverhalten ein. Keine ganze Minute ist der Disscounter offen, schon kommt die Horde. Schittmüllers Kehle entringt ein Grunzen, und er genehmigt sich einen Schluck aus dem Flachmann in der Brusttasche, obwohl er immer noch direkt beim Eingang steht.

„Am Schlimmsten sind die Gespräche, die sie uns aufhalsen“, mault er zwischen zwei Schlucken, und stört sich nicht daran, dass die vorbeigehenden Kunden ihn dabei hören. „Da gibt es allen voran die Fraktion der Alten, die eigentlich schon unter der Erde liegen müssten, es aber zu ihrer Tages- und Lebensaufgabe sehen, uns mit ihrem dämlichen Smalltalk vollzuscheißen. Und das oft mehrmals täglich, anstatt, dass sie einfach mal verrecken gehen.“

„Da vorne an Kasse 1“, deutet er gleich zu jener Kasse gleich beim Eingang, wo auch wir stehen. „Das ist übrigens Hans. Einer meiner Besten.“ Warum das so ist, fragen wir erneut nach. Da grinst Marktleiter Shitmiller nur. „Wartet einfach.“

An den Kassen muss man hassen

Und tatsächlich, wir bekommen die Antwort. Denn wie es der Zufall so will, witzelt schon der nächste Kunde, als die Kasse den Barcode nicht gleich identifiziert. „Haha, dann kostet es ja nichts“, sagt der Familienvater, der mit seinen zwei Kindern etwas Schokolade, zwei Flaschen Wasser und eine Gutscheinkarte kaufen will. „Ach halt die Fresse, du verschissener Arschlochpenner und geh dich kastrieren, bevor du und dein Unterweib noch mehr so hässliche Sackvisagen in die Welt setzen.“

Der angesprochene Mann scheint zu verstehen. Insbesondere mit Blick auf die beiden schiefbezahnten Ausgeburten von Kinder – die Atom-Anton und Fressen-Franz heißen könnten, so verstrahlt und hässlich, wie sie sind. Die Mutter liegt vermutlich daheim angekettet im Keller. Die Kinder haben schon vier Kaugummipackungen aus dem Regal der Quengelware raus- und einer wartenden alten Dame hinter ihnen die Perücke heruntergerissen.

„Danke, und noch einen beschissenen Tag, du fettes Stück Scheiße“, nickt der Mann dem übergewichtigen Hans zu, niest dem Marktleiter noch kurz ins Gesicht und tritt dann die automatische Schiebetür zum Parkplatz auf, deren Glas zerspringt. Die Kinder lernen schnell. Sie lachen und werfen noch einen Abfalleimer um. „Das mit der Tür ist nicht schlimm“, sagt der Marktleiter. „Das deckt die Versicherung, so wie ich seine Großmutter zweimal in der Woche“, weiß Shitmüller. Gleich montags und dann noch einmal mittags am selben Tag, wenn seine massiven Bulleneier nachgeladen sind, sagt er auf Nachfrage.

Der Marktleiter hat Dampf ab- und der Kunde Geld dagelassen. Alle sind zufrieden. Der Einkauf ist ein Erlebnis, so viel steht sicher. Ob das tägliche Dissen und Gedisst-werden Spuren hinterlässt, können wir an der abgenutzten Baracke von Marktleiter schlecht urteilen. Er raucht schon jetzt wie ein Kamin und die Knöpfe seines Hemdes arbeiten unbezahlt hart am Limit. Dennoch. Jeder scheint zufrieden, oder dort zu sein, wo er sein muss.

Zwei Minuten passiert uns am Eingang ein junger Mann, der sich mit einer Handykamera selbst filmt. Wohl für einen Videoblog, vielleicht sogar ein Live-Video. „Hallo, was geht Leute, ich bin es wieder mal. Wir sind hier im ersten Disscounter in Deutschland. Ich nehme Euch mit, und mal schauen, was wird.“ Die Antwort folgt prompt. „Höchstens deine Fresse wird“, grunzt die Verkäuferin der Bäckerei links vom Eingang über die Tresen. „Und zwar poliert, wenn du dich nicht gleich verpisst!“ Der junge Mann antwortet darauf: „Sagt ausgerechnet die Schnalle, die als Matratze UND als Boxsack herhalten muss.“

Wir lachen, denn die Frau ist wirklich beim Sprung in den Genpool daneben aufs Pflaster geknallt. Selbst Hanswurst von Kasse 1 lacht da und disst noch im nächsten Atemzug den nächsten Kunden. Der Jüngling mit Kamera, sicher ein Angehöriger des Packs der asozialen und arbeitslosen Influencer, die ihre gespreizte Rosette auf OnlyFans verkaufen, zieht Richtung Obstabteilung weiter und scheint höchst amüsiert.

Einzelhandel im Wandel?

Schlägerei? Fehlanzeige. Androhungen von Gewalt oder Anzeige? Nichts. Erstaunt bemerken wir, wie friedlich alles abläuft. Dampf abzulassen, anstatt zu hassen. Es scheint, als täte es gut – Kunden wie Mitarbeitern – jedem mal das ins Gesicht zu sagen, was einem auf der Leber klebt. Sei es die nervige Oma, die ihren fälligen Beitrag Cent für Cent abzählt, während ein Dutzend weiterer Kunden hinter ihr warten, oder derjenige, der noch das Zusatzpaket mit „Bitte noch Geld abheben“, „Das Wechselgeld bitte nur in Fünfer, Zehner, Rest in Zehnerl“ und „Können Sie mir sagen, wo hier das nächste Bordell ist, um meinen Riemen abziehen zu lassen?“

„Können Sie bitte eine zweite Kasse aufmachen?“, will eine Dame von Hanswurst an Kasse 1 keine drei Minuten später wissen. Eine andere Mitarbeiterin, nennen wir sie die frigide Franzi, die Dank ihres Gesichtes keine Nachkommen haben wird trotz eines Beckens, dass einen Autobot gebähren könnte, kommt gerade vorbei. „Und können Sie bitte die Schnauze wieder zumachen? Es riecht nach Tod und Verderben.“

Die Schlange an der Kasse lacht. Das Versprechen von Herrn Shitknüller ist nicht gelogen, und billiger als die Preise sind hier nur die Kunden selbst. Wir fragen Martkleiter Scheißmüller, wie er die Lage einschätzt und ob sich das Konzept weiter durchsetzen wird. Darauf zuckt er zuerst nur mit den Schultern und nimmt einen Schluck aus seinem Flachmann.

„Na ja. Anders als die Kundschaft ist die Bilanz nicht beschissen. Und einzig das zählt. Kotzenzial wäre zumindest ausreichend da, es zu einer ganzen Kette oder einem Franchise auszubauen.“ Dabei liegt die Betonung des Wortes deutlich auf ‚chise‘.

Nach einem langen Tag des Dissens verabschieden wir uns. Unser Kameramann mit dem geschädigten Darm hat vergessen, sowohl den Aufnahme-Knopf an der Kamera als auch den Spülknopf auf der Toilette im Disscounter zu drücken. Während zwar ausreichend Material für drei Mann (den Entdecker, den Klempner und den Kammerjäger) in der Schüssel im Markt verbleibt, kehren wir mit keinerlei Material in Videoform, dafür mit einem Artikel zurück.

Gerhard Scheißbrüller wird mit seinem Konzept dauerhaft Erfolg haben, davon sind wir überzeugt.

Auf dem Weg zurück besuchen wir einige Raststätten und fühlen uns in dieser Vermutung bestätigt. Denn obwohl wir den Disscounter hinter uns lassen, fühlen wir keine Erleichterung. Deutschland, die ganze Welt ist verroht. Wir wundern uns, wie rau es überall zugeht, obwohl es nicht bei allen zur Firmenphilosophie gehört, sich verbal mit Hass zu bewerfen.

Alle sind unfreundlich. Ermüdet von allem einfach – erschöpft vom Tag, ausgelaugt von der Arbeit und müde, so unsagbar müde vom Leben. Da muss man sich nur noch fragen, warum es überhaupt noch einen einzelnen Ort zum Dissen gibt, wenn der generelle Umgang mit Menschen ohnehin nur noch einer Schlacht gleicht.

ap;

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