Spotify erhöht Monatsbeitrag auf 25 Euro – das sind die Hintergründe

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Spotify wird demnächst die Preisschraube schmerzhaft andrehen, von monatlich gewohnten zehn auf 25 Euro. Was steckt dahinter?

Der Thron der Musik

Mit über 400 Millionen Nutzern ist Spotify seit seiner Gründung im Jahre 2006 unangefochtener Streaming-Titan. Hierzulande ist der der Dienst aus Stockholm seit 2008 in diversen Bezahlmodellen auf allen Endgeräten verfügbar. Während Apple Music, Tidal, Deezer, Amazon Music und die übersichtlichen Sparten des Google-Riesen mit YouTube, YouTube Red, YouTube Premium und Google Play Music anbieten, scheint der König mit dem grünen, simplen Logo seit der ersten Betaversion unverändert zu sein – optisch, funktionell, preislich.

Obwohl an der Spitze, schmiedet der Herrscher große Pläne. Und zieht auf diesem Wege mit einer Preiserhöhung von 10 auf 25 Euro monatlich ungewöhnlich hart in den Kampf, als wolle er all seine Nutzer gehörig vergraulen.

Vorab gesagt – dabei wäre der Dienst nicht alleine in dieser Geldriege. Tidal, gegründet 2014 und später von Jay-Z erworben, bietet es einen HiFi-Plus-Dienst für stolze 19,99€ / Monat und verspricht für den doppelten Preis, eine doppelte Bandbreite zu belegen. Weiter konzentriert sich Tidal auf den Roster schwächerer Randgruppenbands wie Usher, Kanye West und Beyoncé, um deren schwächelnde Karriere mit höheren Tantiemen aufrechterhalten zu können. Das Musikbusiness boomt nach wie vor, ist aber ein täglicher Kampf um jeden einzelnen Klick, Stream und Hörer.

Teuer, aber auch besser und „Musik für alle“ als Motto

Spotify will sich auch qualitätsmäßig neben Tidal positionieren und strebt hier eine ähnliche Herangehensweise an. Ein ambitioniertes Vorhaben des gerade mal drei Köpfe starken Teams.

Mit einem brandneuen Codec, der ohne jeder Kompression auskommen soll und sich noch in experimentaller Phase befindet, verspricht man ein sogar noch höheres Klangerlebnis. „Es ist, als säße man im Konzertsaal in erster Reihe. Ein solches Klangspektrum wurde an Personen mit absolutem Gehör und Kopfhörern der Referenzklasse getestet – die Unterschiede waren in einem Tonstudio sogar messbar und Testhörer waren überzeugt, es mit gutem Klang zu tun zu haben.“

Würde sich der brandneue Codec durchsetzen, würde das bedeuten, dass bald schon zig Millionen von Tracks in allerhöchstmöglicher, kristallklarer Qualität an die Endgeräte gestreamt werden. Noch bis Ende des Jahres werden so auf öffentlichen Plätzen wie Straßenbahnen und Cafès schon bald viel mehr aufgedrehte Smartphonelautsprecher und Boomboxen vom Discounter die Ohren aller Zuhörer berauschen.

Neues, kostenloses Modell mit Werbung

Untersuchungen der Streamingdaten ergaben, dass besonders die nicht bezahlenden Kunden und Nutzer von Spotify Free überdurchschnittlich viel Musik hören. „Wir haben die Nutzer gehört, und wir haben viel geändert“, hieß es in einem Interview mit dem Chefentwickler weiter, den wir in seinem Keller besuchten. „Spotify Free ist ab nun Spotify Spree“ (englisch für Orgie) und wird Werbung nicht dazwischen, sondern als zusätzlichen Track im Hintergrund abspielen.“

Damit reisse einen die Werbung nicht immer aus dem Hörgenuss, und das Modell könne durch die Werbeeinnahmen trotzdem den Betrieb des musikalischen Fanprojekts, wie sich Spotify selbst nennt, aufrechterhalten. „So kann es auch durchaus vorkommen, dass man „One“ von Metallica hört und im Hintergrund Werbung von Babybel-Käse spielt“, hieß es.

Ob Spotify hingegen das Nutzerverhalten ausspioniert und personalisierte Werbung nutzt, war bei unserer vorab genutzten Version noch nicht ersichtlich. Möglich wäre es – bei 400 Millionen Nutzern läge der Versuch doch nahe.

Der Clou auch: Der Wegfall des Pause-Buttons. „Da die meisten unserer Streamer ohnehin den ganzen Tag Musik hören, war dies nur eine logische Folgerung.“ Man überlege auch, den Play-Button zu entfernen und die Musik spielen zu lassen, sobald die App gestartet wird, oder auch nur das Gerät eingeschaltet ist. Ob die Lautstärkeregelung hingegen in die Sparte der Premium-Features verschoben wird, wusste man noch nicht.

Doch dem nicht genug der Änderungen von Spotify Free, bzw dem neuen Spotify Spree – wie die uns zur Verfügung gestellte Betaversion zeigte, wird nunmehr nicht mehr die aktuelle Playlist mittels Zufallgenerator abgespielt, sondern der komplette Katalog, was doch ein üppiges Vorhaben ist; zu den über 70 Millionen Tracks zählen derzeit nicht nur Musik, sondern auch Litanei Podcasts und eine stets wachsende Auswahl an Hörbüchern.

Stärken? Schwächen!

„Das Problem schien für die Nutzer, dass ein Hörbuch mit mehreren Stunden für gewöhnlich in zig Hunderte einzelne Schnipsel unterteilt ist und es selbst bei der Premiumversion keine Möglichkeit gibt, einen entsprechenden Marker zu setzen. Etwa für späteres Weiterhören an der gleichen Stelle, weil man gerade keine 15 Stunden am Stück durchhält. Das ist aber gewollt.“ Böse Zungen würden hier behaupten, jede andere Software würde dies umständlich mit automatisch gesetzten Merkzeichen lösen. Das aber wiegelt man bei Spotify ab – man wolle damit den Lesespaß eines echten Buches imitieren, bei dem man das Lesezeichen verlegt hat.

Noch etwas zwiegespalten war unser Praktikant Bernhard Brackenmüller, der das neue Spotify Spree eine Woche testen durfte. Die kostenlose Version wartete zuerst mit einem zweistündigen Podcast über Veganismus auf, gefolgt von „Der Fluch des Kapt’n Iglo“ einer italienischen Band namens Nanowar of Steel. Die Werbung war bunt gemischt und entsprach in etwa dem, was man im Fernsehen bei RTL vorgesetzt bekäme. Teilweise war die Werbung sogar lauter als der Podcast. Auf Anfrage der Redaktion wies Spotify auf ein gewolltes Feature hin – nur so würde man den Podcast auch konzentriert verfolgen und nicht stets abgelenkt werden.

Ein Lied, Nargaroth’s „Black Metal ist Krieg“ hatte wohl einen Fehler, da hier fünf Minuten lang der Slogan „Carglass repariert, Carglass tauscht aus“ in Dauerschleife geplärrt wurde. Diese kleinen Fehler, „loudy loosy loops“, wie sie im Fachjargon heißen, wolle man aber noch beheben, sobald die Version für alle zugänglich ist.

Zu guter Letzt – Licht an!

Ein Großteil der Neueinnahmen dürfte in vor allem eine neue visuelle Präsentation der beliebten Software gehen, sagte der Chefentwickler weiter. Hierfür würde man auch weiterhin keine Kosten scheuen, um nicht nur der Akustik, sondern auch dem Visuellen zu genüge zu tun. Ein Neuanstrich sozusagen. Im Gespräch wären in etwa auch ein intuitives Interface, Möglichkeiten, seine Playlists übersichtlich zu ordnen. „Wir arbeiten seit Erstrelease der Betaversion 2006 kontiunierlich daran, und sind zuversichtlich, noch vor dem 25jährigen Jubiliäum 2031 ein Update mit diesen Dingen herauszubringen.“

Bei manchem werden bei solchen Ambitionen sicher Erinnerungen an WinAmp wach – 1997 gegründet und bis in die frühen 2000er Jahre unangefochtener Wiedergeber von MP3-Musik und anderen Medien. „Das waren noch andere Zeiten“, weiß man bei Spotify, denen WinAmp natürlich auch ein Begriff ist. „Einen einfachen, übersichtlichen und funktionierenden Player mit verlässlichen Basisfunktionen zu gestalten ist nicht mehr so einfach“, sagte man dazu, bemühe sich aber, dem großen Idol zu folgen.

Bis zur Release der eigentlichen Version würden die Nutzer weiterhin bei jedem zweiten oder dritten Start des Programms ein „Update verfügbar. Neustarten zur Installation“ sehen. Dies wäre ein noch nicht korrigierter Fehler, der seit dem Erstrelease 2006 besteht und auch bald behoben werden wird, sobald die nächste Version wirklich online ist.

Wann hingegen die Software so weit ist, um neben dem gewohnten Darkmode auch, wie viele moderne andere Software, mit einem Lightmode aufzuwarten oder gar eine andere Farbe oder Themes zu verwenden, ist noch nicht sicher. Spotify sei doch ein höchst komplexes Stück Software, betonte der Chefentwickler, und es spiele immerhin manchmal Musik ab – da ist die Änderung einer einzelnen Farbe ein kritischer Eingriff.

Das Entwicklerteam zeige sich trotz der Preiserhöhung und extremen technischen Hüden optimistisch und zuversichtlich, hieß es in einem ersten Statement auf der Spotify-Seite. Der Chefentwickler arbeite mit seinen zwei weiteren Mitarbeitern, einem Auszubildenden im ersten Monat und einer Putzfrau auf Teilzeit, die regelmäßig den Release Radar hört, daran, den Millionen Hörern auch in den nächsten Jahren etwas bieten zu können und dem neuen Preis von monatlich bald 25 Euro gerecht zu werden – und das sieht, beziehungsweise hört man auch jetzt schon.

-bbq