Sicher ist, wer sowas spotted, dessen Geist schon ist verrottet

Ich weiß nicht, was es mit all den dämlichen Spotted-Seiten auf sich hat, wo jeder irgendjemanden sucht. Wer es nicht schafft, die Person der Interesse in den dreißig Minuten anzusprechen, in welcher sie neben einem stand, hat die Person einfach nicht verdient. Punkt. Aus. Ende Amen. Und wenn eine Begegnung nicht zustande kam, nun, es wird schon irgendeinen Grund haben.

Dies vorbemerkend kann man immer die stets gleichen Einträge der gleichen Idioten bemerken, die ich in folgender Liste erläutern werde:

  • Was auf über neunzig Prozent zutrifft: Die Person, die einfach keinen Arsch in der Hose hat. Wie wahrscheinlich alle. Zwar stand die gesuchte Person eine halbe Stunde daneben, aber angesprochen wurde sie nicht. Oder arbeitet in Geschäft X in Abteilung Y und ist jeden Tag acht Stunden während der Öffnungszeiten anwesend und ansprechbar. Genügt es nicht, das im Grunde greifbare Glück schon auf dem goldenen Präsentierteller vor sich zu haben? Alles, was man tun muss, ist ein Gespräch beginnen. Das ist noch leichter als sich einen Becher Milch ins Gesicht zu schütten. Das ist ungefähr so als würde man einen Hundert-Euro-Schein auf der Straße liegen sehen, ihn nicht nehmen und am nächsten Tag mit plagendem Gewissen (natürlich anonym) irgendwo nachfragen, ob jemand weiß, wo der Schein hingekommen ist oder wo er sein könnte.
  • Derjenige, der seit einhundert Einträgen versucht, mit immer dem gleichen Text die Liebe seines Lebens zu treffen. „Hi, ich versuche es jetzt wieder Mal auf diesem Weg und hoffe, hier die große Liebe zu finden“. Nein, du dämlicher Idiotenfürst. Einen Scheißdreck wirst du. Deine Liebe? Wirst du hier hier nicht finden. Auch nicht woanders. Schon gar nicht so. Dafür ist das echte Leben da, nicht irgendein asoziales Netzwerk.
  • Der Nichtchecker, der seit Monaten nicht realisiert, dass die Person X am Tag Y einfach von keinem gesehen wurde oder sich niemand mehr daran erinnert. „Ich hab das schon einmal täglich die letzten zehn Monate gepostet, aber hat jemand an besagtem Tag die eine fette Nutte mit dem Zigarrentattoo auf der Stirn in der Bäckerei X gesehen? Sie hielt ein Eisenrohr in der Hand und hat vierzehn Butterbrezn bestellt.“
  • Die stinkgelangweilten Personen, die sogar schon so verzweifelt sind, um an dieser Stelle jemanden zu suchen, mit dem sie eine Zigarette rauchen können. Auch wenn es heißt, dass man nie etwas kostenlos tun soll, wenn man gut darin ist, würde ich so einem kostenlos eine runterhauen. Ja. Eine Watsche, die so reinzimmert, dass ein Aufruhr durchs Publikum gehen würde, dass es mit der Kohlenschaufel nicht zählt. Und das sogar frei Haus, ohne jedwede Kosten oder Vertragsabschlüsse.
  • Die mit plagendem Gewissen, die einfach nur mal loswerden wollen, wie sehr ihnen dies und jenes leid tut. „Es tut mir so leid mein Schatz, dass ich dir einen solch großen Haufen auf den Schreibtisch gesetzt habe! Bitte verzeih mir noch einmal! Ein allerallerletzes Mal! Und die Kamera hat auch nicht mir gehört, der Nachbar hat das rein zufällig gefilmt! Und dass es dein Schreibtisch auf Arbeit war, war mir nicht bewusst. Es war falsch. So falsch.“ Das geht grob in die Richtung der Dramaqueen, nur dass diese kontextlose Müllanhäufung, die keine Sau außer bestenfalls eine einzige andere Person interessiert, in deren Posteingang dieser miese Post gehört. Ich mache ja auch nicht das Fenster auf und schreie laut hinaus, was mir alles leid tut. Das mache ich nur nicht, weil mir eben nichts leid tut. Aber immerhin. Irgendwie muss ich den Absatz ja zu Ende bringen, eh?
  • Die fette Tonne, die denkt, dass es keiner durchschaut, dass „normale Figur“ einfach der Deckname für ein zart von Nutella geschwängertes Doppelranzentier mit Unterbauch ist. Superlativ dessen ist dann nur noch „Ich bin nicht der Schlankste.“ Das heißt mit anderen Worten: Ich bin mit Sicherheit der Fetteste, den du je in deinem Leben sehen wirst.
  • Diejenigen, die jemanden suchen und der Meinung sind, sie wären die einzigen, die je in den unglaublichen neunzehn Jahren ihres bisherigen, nicht minder bedauernswerten Daseins enttäuscht wurden. „Nach einer herben Entäuschung“ beginnt für gewöhnlich das jämmerliche Rumgejammer und Rumgeheule, bevor in dem Poster das Pipi richtig in den Augen zu brennen beginnt. Denn stimmt, denn bei über sechs und bald sieben Milliarden Menschen bist du gaaanz ganz sicher der Einzige, der als Angehöriger dieser überfressenen Wohlstandsgesellschaft eine herbe Enttäuschung hinter sich hat. Jeder Mensch ist eine Enttäuschung und das Leben ist nun Mal Schmerz. Deal with it.
  • Jene, die sich mit der gesuchten Person zwar über eine Stunde unterhalten haben, aber dann dennoch danach suchen. Wie bescheuert kann man eigentlich sein? Das ist schon fast so dämlich wie die Fraktion, die zwanzig-tausend Euro in bar und in einer Plastiktüte rumschleppt und dann irgendwo liegenlässt. Dummheit. Gehört schon immer bestraft. Und zwar hart, so dass es weh tut. Denn aus Fehlern wird man klug. Und Schmerz härtet ab. War schon immer so. Pussy.
  • Der fertige Poet. Weiß der Teufel, welche nichtigen Problemchen ihm und seiner zerrütteten Seele schlaflose Nächte bereiten, doch sucht er gar nichts. Höchstens Publikum, welches einfach nur seinen dahinschwafelnden, gefühlsdusseligen Post liest und dann darunter schreibt wie unglaublich herzerwärmend und süß das doch ist. Während gleichzeitig der Kopf mit den Worten „Fertiger Hund!“ geschüttelt wird
  • Die Vorvorvorvorpubertären. Diese Individuen suchen mit dreizehn Jahren schon die große Liebe. Beziehungsweise suchen endlich die große Liebe fürs Leben, nachdem sie ganze eineinhalb Wochen lang so richtig die Sau rausgelassen und genug von der nicht-so-wahren Liebe haben.
  • Die Abteilung der notgeilen Britschna. Und wer dieses tolle bayerische Wort nicht kennt: Schlampe, Nutte, Dorfmatratze, Dauerhobel, Fickal, Bumsal, Loch Nessie. Sie suchen gut bestückte Hengste, von denen sie sich decken und beglücken lassen wollen, bis die Mundwinkel eingerissen sind und alles andere nur noch in Fetzen runterhängt. Natürlich müssen diese Zuchtbullen neben einer überdimensionalen Bestückung noch tätowiert sein. Auch werden gerne Raucher, Kokser und Totschläger gesucht. Die „bad boys“ quasi – Hauptschulabbrecher, hergerichtete VW Golf III – Fahrer und werdende Väter der Kinder alleinerziehender Teeniemütter in spe.
  • Diejenigen, die anonym posten, dennoch aber im Namen eines Freundes suchen. „Hi ich würde für einen Freund / eine Freundin eine Beziehung suchen.“ Wieso begleitest du deinen Freund nicht noch gleich aufs Klo und wischt ab, wenn er fertig ist? Würde ich Gefühle und Regungen wie Scham besitzen, ich würde mich zu Tode schämen, müsste ich einen Freund darum bitten, mir anonym eine Freund / Freundin zu suchen.

Zusammenfassend ist es erstaunlich und traurig zugleich, zu was für unfähigen, unselbstständigen, horizont-, geist- und egolosen, verkümmerten, klickgeilen Individuen uns diese beschissenen, asozialen Netzwerke doch machen. Wir besitzen tausende Freunde, sind nur einen Mausklick, ein halbes Pixel davon entfernt, Milliarden Menschen zu erreichen, besitzen gleichermaßen aber einen so begrenzten sozialen Horizont, dass wir es nicht schaffen, einen einzigen verfickten Schritt zu machen und ein Gespräch mit „Hallo“ zu beginnen.

Fertige Welt.