Warum Bischofsmais (Niederbayern) seinen Namen ändern muss

1000 Wörter, 5 Minuten, 0 KI-Inhalte.

Inhaltsverzeichnis

Vom Geschenk zur Gemeinde
Kreierung des Kardinals
Ein Problem kommt selten alleine
Neuer Name, alte Gemeinde
Betrifft es auch weitere Städte?
Newsquellen
Bildquellen
Fußnoten

Vom Geschenk zur Gemeinde

Bischofsmais ist eine Gemeinde im niederbayerischen Landkreis Regen. Mit vierzehn weiteren Gemeindeteilen ist es ein staatlich anerkannter Erholungsort. Dabei blickt Bischofsmais auf eine interessante Entstehungsgeschichte1 zurück.

Im achten Jahrhundert schenkte der bayerische Herzog Odilo den Passauer Bischöfen2 ein ausgedehntes, aber unwegsames Waldgebiet (Nortwald, lateinisch silva nortica) von der Donau bis zum Regenfluss. Rund um das Jahr 1000 gaben der Bischof von Passau und die Klosteroberen von Niederalteich3 dann die Rodung des Gebietes in Auftrag.

Jahre danach begann die Besiedlung des Gebietes; ein knappes Jahrhundert später, 1136, wird Bischofsmais das erste Mal urkundlich erwähnt. Hauptauftraggeber war damals Bischof Christian von Passau4, neunzehnter Bischof von Passau, und erster Bischof von Passau mit weltlicher Herrschaft. Das bedeutet, dass er nicht nur geistliches Oberhaupt von Passau war, sondern auch zusätzliche Rechte besaß, die normal nur einem König zugesprochen wurden. Dazu zählen das Münzrecht, das Marktrecht und die Gerichtsbarkeit.

Kreierung des Kardinals

Kürzlich aufgetauchte Dokumente rütteln nun an dieser Geschichte: Zwar war Christian von Passau bei der Auftraggebung der Rodung Bischof, doch war er zu diesem Zeitpunkt vom Oberhaupt der katholischen Kirche bereits urkundlich belegt ins Kardinalskollegium berufen worden. Nach seinem Konsistorium kehrte er zu seinem Sitz nach Passau zurück, war da aber bereits ein Kardinal und nicht mehr nur Bischof.

Damit ist die Ortsbezeichnung Bischofsmais historisch inkorrekt. Da die BBQsche Redaktion auch in den Tiefen des Bayerischen Waldes residiert, besuchten wir die schöne Gemeinde im Landkreis Regen. Der Erste Bürgermeister war auch gleich bereit für ein Interview.

»Natürlich reagierten wir nach Inkenntnissetzung sofort, um unsere historischen Wurzeln zu wahren und nicht etwa einen irreführenden Namen zu führen«, sagte dazu der Erste Bürgermeister von Bischofsmais im Gespräch. »Deshalb wollten wir umgehend Bischofsmais in Kardinalsmais umbenennen.«

Doch es kam anders, und leider nicht viel besser. Denn:

Ein Problem kommt selten alleine

Bei der Prüfung der zahlreichen Unterlagen im Stadtarchiv fielen dem zuständigen Archivar einige Unstimmigkeiten auf. Denn etwas hakte beim zweiten Teil der Entstehungsgeschichte, die zu »mais« führte. Wie man dem noch fehlerhaften Wikipedia-Artikel5 entnehmen kann, heißt es dort: »Die damalige Form des Rodens nannte man »maizzen«. Aus diesem Zusammenhang entstand im Laufe der Zeit der Name »Bischofsmais«.

Hinzugezogene Sprachwissenschaftler fanden keine etymologischen Zusammenhänge zwischen »roden« und »maizzen«. Beruhte die Namensgebung also auf falschen Überlieferungen?

»Wir gaben weitere Untersuchungen in Auftrag«, erinnert sich der Erste Bürgermeister. »Wir beauftragten unter anderem Landschaftsarchäologen und zwei Archäobotaniker. Wie sich herausstellte, bauten die Menschen nach der Urbarmachung zwar Mais an, jedoch in geringen Mengen. Vielmehr waren es Kidneybohnen, die hier besonders gut zu gedeihen schienen und von den Bauern bevorzugt und großflächig angebaut wurden. Bezeugt wird das auch durch überlieferte Rezepte in Folianten, die auf Grundlage der eiweißreichen Kidneybohnen basieren. Das schlug dann den letzten Nagel in den Sarg des alten Namens.«

Die geschichtlich erfasste Agrargeschichte belegte also: Das Noch-Bischofsmais war massiv durch den Anbau von Kidneybohnen geprägt, und nicht von Mais.

Befremdlich mag es klingen. Doch wussten schon die indigen Völker Nordamerikas vor Tausenden von Jahren um die Milpa6, die »drei Schwestern«, wie man sie auch heute noch nennt. Namentlich sind das Mais, Bohnen und Kürbis7 8, die sich hervorragend ergänzen. Der Mais dient als Rankhilfe für die Kidneybohnen, der Kürbis beschattet mit seinem Blattwerk den Boden und unterdrückt Unkraut.

Schlimm findet das der Erste Bürgermeister von Bischofsmais allerdings nicht. »Das muss man so hinnehmen, wie es ist. Geschichtliche Dokumente existieren nicht ohne Grund, und manchmal geht etwas in der Geschichte verloren, oder wird übersehen. Natürlich zieht das jetzt einen mühseligen Verwaltungsakt nach sich, Bischofsmais in Kardinalskidneybohnen umzubenennen.« Historische Akkuratesse sei der Gemeinde aber wichtig.

Neuer Name, alte Gemeinde

Die Umbenennung einer Straße, Gemeinde oder ganzen Stadt ist übrigens grundsätzlich und immer möglich. Politische Gründe, etwa weil eine Straße oder eine Stadt nach einem Diktator oder Kriegsverbrecher benannt ist. Reformen sind ebenso oft als Grund angeführt, ebenso politische Gründe und vor allem die Kultur selbst.

So veranlasste erst 2022 die Türkei die internationale Schreibweise von Turkey in Turkiye9 10, um nicht mit dem Truthahn (englisch: ebenfalls Turkey) verwechselt zu werden. Ganz ungewöhnlich ist das nicht. Persien wurde 1935 zu Iran11, Siam nur vier Jahre später zu Thailand12. In den Achtzigerjahren änderte sich nach Erlangung der Unabhängigkeit des afrikanischen Simbabwe der Name der Hauptstadt von Salisbury in Harare13.

Im Falle von Noch-Bischofsmais läuft das unter der einfachen Begründung der historischen Korrektur. Meistens wird bei solchen Umbenennungen auch eine Bürgerbefragung durchgeführt. 1953 zum Beispiel, als Chemnitz in Karl-Marx-Stadt umbenannt wurde, und 1990, also 37 Jahre später, wieder zu Chemnitz zurückkehrte14.

»Ob es bei unserer Gemeinde auch nur eine vorübergehende Namensänderung ist, kann ich natürlich nicht sagen«, gibt der Erste Bürgermeister zu. »Ich denke aber schon, dass die Bürger sich für den historisch korrekten Namen entscheiden werden.«

Bis dahin gibt es viel zu tun; offizielle Dokumente, Formulare und Vordrucke müssen geändert werden, von Briefköpfen über Stempel, Wegweiser, Broschüren bis hin zu den Ausweisdokumenten der Bürger. Ein ganzer Rattenschwanz. »Das werden wir aber nach und nach ändern. Und sicherlich werden wir einige Monate, wenn nicht Jahre unter zwei Namen bekannt sein. Bischofsmais und Kardinalskidneybohnen.«

»Wir werden zwar das Ortsschild austauschen, aber den Hinweis ›Ehemalig Bischofsmais‹ als Hinweis führen«, sagt uns ein Mitarbeiter des Bauhofes, der bereits eines der neuen Schilder in den Händen hält. Es ist etwas sperrig, aber man gewöhnt sich dran.

Es geht aber noch weitaus sperriger als Kardinalskidneybohnen als Name.

Anführer klobiger Namen dürfte die Gemeinde Hellschen-Heringsand-Unterschaar in Schleswig-Holstein sein15, oder, wenn man über die Landesgrenzen hinausgeht, Llanfair­pwllgwyngyll­gogery­chwyrn­drobwll­llantysilio­gogo­goch16, eine Community im Nordwesten von Wales. »Da können wir mit Kardinalskidneybohnen ja noch froh sein!«, sagt der Erste Bürgermeister weiter.

Betrifft es auch weitere Städte?

Besonders in den Tiefen des niederbayerischen Waldes häufen sich Ortsnamen, die auf mais enden. Neben Noch-Bischofsmais gibt es noch Bodenmais (Landkreis Regen), Grafenmais (Landkreis Passau), Breitenmais und Tannenmais (beide Landkreis Deggendorf) und Regelmais (Cham, Oberpfalz).

Ob diese auch von einer etwaigen Namensänderung betroffen sein könnten, wollen die zuständigen Gemeinden prüfen lassen. Eine rechtliche Verpflichtung besteht natürlich in keinem der Fälle. Bis dahin heißt es also willkommen in Kardinalskidneybohnen, ehemals Bischofsmais.

Newsquellen

(Nicht zutreffend)

Bildquellen

Das Bild mit der Milpa

Isabelle Fragniere, Wikimedia Commons

Das Bild mit dem Community-Namen aus Wales

Raphael Frey, Wikimedia Commons

Die Bilder mit den Ortsschildern, zuzüglich Fotomontage:

Eigene Werke (ohne KI!)

Fußnoten

1 https://www.bischofsmais.de/leben/geschichte/

2 https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Bisch%C3%B6fe_von_Passau

3 https://www.abtei-niederaltaich.de

4 https://de.wikipedia.org/wiki/Christian_von_Passau

5 https://de.wikipedia.org/wiki/Bischofsmais#Bis_zum_19._Jahrhundert

6 https://de.wikipedia.org/wiki/Milpa

7 https://de.wikipedia.org/wiki/Drei_Schwestern_(Ackerbau)

8 https://www.gartenfreunde.de/gartenpraxis/gartengenuss/drei-schwestern/

9https://www.turkiye.de/de/tuerkiye-name-tuerkei-umbenennung/

10https://www.srf.ch/news/international/neuer-englischer-name-tuerkei-heisst-jetzt-offiziell-tuerkiye

11https://persianheritage.org/articles/de/warum-wurde-aus-persien-iran

12https://www.wochenblitz.com/thailand-die-faszinierende-geschichte-hinter-dem-namenswechsel-von-siam/

13https://tovisorga.com/salisbury/why-was-salisbury-renamed-to-harare/

14https://www.mdr.de/geschichte/ddr/deutsche-einheit/karl-marx-stadt-umbenennung-chemnitz-kulturhauptstadt-100.html

15https://de.wikipedia.org/wiki/Hellschen-Heringsand-Unterschaar

16https://de.wikipedia.org/wiki/Llanfairpwllgwyngyll