Valve führt bei Steam 2024 Abosystem mit Werbung ein – ist dies das Ende?

Inhaltsverzeichnis

Ohne Pflicht, ohne Kampf: Das Ventil entlässt den Dampf
Für jeden Softwarepanscher einen Softwarelauncher
Was lange währt, wird entgeltlich gut
Teilen und erweitern – mit den vier Reitern (der Apokalypse)
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Ein harter Schlag für die Gamerwelt: Steam, die bekannteste Online-Vetriebsplattform für Videospiele, stellt zum zwanzigsten Jahrestag von Half-Life 2 im November 2024 die ganze Plattform auf ein Abo-Modell um. Als erstes deutsches Bloggerteam durfte BBQ eine Vorabversion testen.

Ohne Pflicht, ohne Kampf: Das Ventil entlässt den Dampf

2003 – Valve Corporation startet den Klienten Steam in der Version 1.0; damals noch optional und primär zum Testen für Counter Strike. Doch schon ein Jahr später macht Valve Steam bei der Installation von Half-Life 2 zur Pflicht.

Ehemalige Lobby der Valve Corporation, 2016.

In den frühen 2000er Jahren war es ein Novum, für das Installieren eines Spieles zusätzliche Software plus ein Konto erstellen zu müssen. Die Spieler aber überzeugte die Prämisse. Einmal das Videospiel via Steam aktiviert, konnte man es immer und überall herunterladen, selbst wenn man sich nicht mehr im Besitz des physischen Datenträgers befand. Automatische Updates, Hilfeforen, Multiplayerfunktionen, VAC (Valve Anti Cheat), Freundeslisten und eine Chatfunktion rundeten das Paket ab.

Für den Spieler entstanden keine zusätzlichen Kosten – gar erfreute sich die Spielerwelt einer Software, die Kauf und Management der Spiele mit nur wenigen Mausklicks möglich machte. Ebenso die Spieleentwickler, die in Steam eine gute Vertriebsplattform und wachsende Nutzerzahlen sahen. Dabei ist das Betriebsmodell nach wie vor lukrativ – Steam erhält dreißig Prozent aller Verkäufe und Transaktionen.

Zwanzig Jahre später ist Steam der Platzhirsch und am meisten genutzte Online-Vertriebsplattform für Computerspiele. Über die Entwicklungsgeschichte hin versuchten viele, auf diese Dampflok des Erfolgs aufzuspringen und eigene Verkaufsplattformen nebst erforderlichem Launcher ins Rennen zu schicken. Anders aber als bei Steam wirklich oft nur heiße Luft. Denn:

Für jeden Softwarepanscher einen Softwarelauncher

• GOG (Good Old Games)
Zu einem der ältesten Konkurrenten gehört GOG von CD Projekt, ansässig in Warschau, Polen und Entwickler der Witcher-Reihe. Ursprünglich auf Klassiker der 90er Jahre spezialisiert, holte GOG rasch auf und bietet mittlerweile auch viele Titel der AAA-Liga. GOG steht nicht nur – anders als Steam – fest hinter DRM-Freiheit, der Launcher GOG Galaxy ist neben einem interfacetechnisches Desaster auch optional.

• Ubisoft Connect
Ubisoft ist Entwickler und Publisher bekannter Reihen wie Far Cry und Assassins Creed, von denen im Jahrestakt einen weiterer, identischer Teil mit neuem geschichtlichem Hintergrundskin erscheint.
Im Jahr 2009 hievte Ubisoft den Ubisoft Game Launcher aus den Tiefen der Verzweiflung. Diesen Ulkus von einem Programm wurde erst in Uplay, später in Ubisoft Connect umbenannt. Jeder gekaufte Ubisoft-Titel muss dort aktiviert werden, egal, wo der Titel gekauft wurde. Auch muss der Ubisoft Connect Launcher zusätzlich zu jedem Spielstart geladen.

• Epic Games Store
Epic Games versucht seit seiner Einführung 2018 mit dem Epic Games Store Kunden mit jenen kostenlosen Titeln zu ködern, die ohnehin schon jeder einmal auf GOG und Steam gekauft hat. Was neben der kostenlosen Unreal Engine auch der einzige Grund ist, warum jemand überhaupt schon einmal vom Epic Games Store gehört hat.
Auf der anderen Seite ist es aber nicht möglich, Titel wie Unreal oder Unreal Tournament zu kaufen. Ausgerechnet also Spiele, die Epic Games überhaupt zurecht das epic im Namen verliehen.

• Rockstar Games Launcher
Rockstar Games bewies 2019 als Letzter, mit der Red Dead Redemption – und Grand Theft Auto – Reihe zwar grandiose Spiele erschaffen zu können, in der Reihe der Launcher sich aber an der aufgeblähten Selbstwichtigtuerei aller anderen zu orientieren. Gleiche Pflicht wie bei Ubisoft – selbst, wenn man ein Spiel auf einer anderen Plattform bezog, ist es notwendig, den Rockstar Games Launcher zu verwenden und ein Konto dafür anzulegen.

• Microsoft Store
Microsoft entging dem Untergang durch die strategische Anwendung unbegrenzter finanzieller Ressourcen und den Ankauf von ZeniMax Media (Mutter von Bethesda Game Studios, Rechteinhaber von unter anderem Fallout, Dishonored, Elder Scrolls und Wolfenstein) für 7,5 Milliarden US-Dollar (in bar!) und Activision Blizzard (Wacraft, StarCraft, Call of Duty, Diablo) für weitere knappe 69 Milliarden US-Dollar. Damit verbunden war auch die Übernahme des altbackenen battle.net.

Von strategischer Wichtigkeit war da die Einführung des Xbox Game Pass im Jahre 2017. Seit 2019 ermöglicht der für 9,99 Euro erhältliche PC Game Pass, zahlreiche Titel gleichermaßen auf Xbox und dem Heimrechner zu spielen. Neben Funktionen wie Mitgliederangeboten, Online-Multiplayer und Verfügbarkeit des eigenes Spielekatalogs enthält er auch ein überschaubares, aber qualitativ hochwertigen Katalog von EA als Entwickler der untersten Riege enthalten.

So kann man die Masse von Fehler- und Verbindungsproblemen des Spieles Anthem genießen und das Spiel niemals spielen, ohne gesondert dafür bezahlen zu müssen.

So kommt das Schlechteste zum Billigsten und alles ist, wie es sein soll. Nicht anders ist es bei Spielen eigener Entwickler wie Bethesda Softworks (Fallout, Elder Scrolls). So konnten Spieler unter anderem Starfield schon ab der ersten Stunde nicht länger als eine Stunde spielen, es wieder vom Rechner löschen und 150 Gigabyte Fehlercode abwerfen. Ein Privileg, dass die von Sternen geblendeten Käufer der Constellation Edition für 300 US-Dollar nicht haben – sie müssen das Spiel behalten, können dafür auf der Starfield Chronomark Watch verlorene Lebenszeit und fehlinvestiertes Geld stets im Auge behalten, haben also zusätzlich eine Erinnerung stets bei der Hand.

An diesem Abo-Beispiel und Game Pass von Xbox und Mutter Microsoft will man sich anlehnen. Gemäß dem Leitspruch:

Was lange währt, wird entgeltlich gut

Anders als beim Game Pass von Microsofts Xbox will Valve aber kein Mehr anbieten – schließlich bietet Steam ein Alles an – , sondern ein Mehr verlangen. Klingt nach einem Déjà-vu? Ja. Denn steigende Kosten in allen Sektoren, luxuriöse Firmengebäude und anzugtragende Investoren drängen viele Marktführer zu diesem Schritt. Erst Anfang des Jahres bei etwa Amazon oder Netflix geschehen; beide Unternehmen entzogen bereits zahlenden Kunden das Privileg der Werbefreiheit und verwiesen auf ein teureres oder zusätzliches Abo, bei dem keine Werbung zu sehen ist.

»Wir müssen wirtschaftlich handeln, um weiter bestehen zu können«, gibt sich Gabe Newell, Präsident und Geschäftsführer von Valve und Milliardär mit einem Vermögen von viereinhalb Milliarden, wehmütig.

Teilen und erweitern – mit den vier Reitern (der Apokalypse)

Also hieß es teile und siege – über jeden Geldbeutel, jede Riege. Während man bei anderen Plattformen auf Pompöses wie Prime, Plus oder Premium setzt, gibt sich die Valve Corporation für Steam ganz klassisch. So sollen die Abos lediglich in die Reiter Bronze, Silver, Gold und Platinum eingeteilt sein – ganz angelehnt auch an so manche Achievements als sammelbare Trophäen in Spielen.

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Was uns in der freigeschalteten Testversion gleich auffiel – nicht nur das kostenlose Steam Bronze, sondern auch der billigste Reiter Steam Silver sind werbebasiert. Dabei geht es hier aber nicht nur um Werbung von Videospieleentwicklern, sondern um Werbung, wie man sie aus dem Fernsehen, von Streamen oder Internetseiten kennt.

Dabei handelt es sich um personalisierte Werbung. Auf eine Nachfrage hin bestätigte uns Valve, den Benutzern Werbung von Partnerunternehmen anzuzeigen, die der Valve Corporation als passend und nach Eingang achtstelliger Zahlungen für Werbeverträge als angemessen erscheinen. So hat ein Redakteur unseres Teams bereits am zweiten Tag Werbung für Küchengeräte, Autoreifen und großkalibriges Sexspielzeug jenseits der 30-Zentimeter-Marke erhalten.

Dabei nutzen die günstigeren, werbebasierten Varianten jede Möglichkeit für eine Werbeeinblendung. Besonders werden in Videospielen jeder Ladebildschirm (für gewöhnlich mit Bildern und Spieletipps gestaltet) durch Werbung ersetzt. Starfield verwandelte sich durch seine halbminütlichen Ladebildschirme alle dreißig Sekunden zu einer Dauerwerbesendung. Wohlbemerkt ein Spiel, das gekauft wurde.

Bemerkenswert auch: Nutzer von Steam Bronze stehen vor einem nackten Gerippe der Plattform; nach Kauf eines Spieles zum stets vollen Preis (es gibt für sie keine Rabattaktionen) können sie sich noch nicht einmal an der Community wie Foren beteiligen und auch keine Rezensionen schreiben. Es ist deutlich erkennbar, wie spröde und unattraktiv man den unbezahlten Reiter macht, um Nutzer in die Bezahlschiene zu buchsieren.

Die Umstellung wird vielen nicht schmecken, so viel ist sicher. Spieler, die Steam vielleicht seit bald Jahrzehnten nutzen und auf keines ihrer Hunderter, wenn nicht Tausender Spiele verzichten wollen, sehen sich wohl gezwungen, das Abo für Steam Platinum abzuschließen. Und selbst da ist es nicht sicher, ob sich der Preis die nächsten Jahre nicht noch weiter erhöht.

Angesichts der allgemeinen Entwicklung aber werden es die meisten hinnehmen, die Degradierung akzeptieren und tiefer in den Geldbeutel greifen.

Bildquellen

Das Bildcover:
Eigenes Werk.

Die Lobby der Valve Corporation:
Urheber: Tim Eulitz, Wikimedia Commons
Lizenz: CC BY 4.0 Deed
Info: Am Bild wurden keine Veränderungen vorgenommen.

Die Screenshots aus Anthem:
Eigene Werke.

Die Screenshots aus Starfield:
Eigene Werke.