
Aus reinem Versehen übersehen?
Passiert ist es schon jedem Verkehrsteilnehmer: Auf der Suche nach seinem Ziel fährt man verkehrt in eine Einbahnstraße, missachtet die Vorfahrt, überfährt ein Stopp-Zeichen oder gar eine rote Ampel.

Rasch schlittert man selbst als umsichtiger Fahrer in eine Ordnungswidrigkeit, ja sogar Fahrlässigkeit. Im Extremfall zieht das neben einer empfindlichen Geldstrafe ein Fahrverbot und Führerscheinentzug nach sich. Anwaltskanzleien beschäftigen sich täglich mit solchen Fällen und argumentieren für den Geschädigten von einem Augenblicksversagen.
Oft laute die Argumentation, man dürfe das Versagen nicht immer nur dem Verkehrsteilnehmer zuschieben. Schuld ist mitunter auch die deutsche Regelwut, die so manche Kreuzung zu einem Schilderwald mutieren und einen das Wichtige leicht übersehen lässt.
Das Ministerium für Digitales und Verkehr will das Problem angehen. Einer vermutlich in Auftrag gegebenen Studie nach äußern die Verursacher von Verkehrsverstößen am häufigsten, man sähe das Schild entweder zu spät oder überhaupt nicht. Deshalb will man sichergehen, dass nie wieder ein Verkehrszeichen übersehen wird. Und die Lösung könnte einfacher sein. Ist sie aber nicht.
Mehr Größe, weniger Verstöße?
Mithilfe von weitaus größeren Schildern – und das beinhaltet nicht nur Verkehrsschilder, sondern auch Orts- und Straßenschilder – will das Verkehrsministerium der mangelnden Sichtbarkeit entgegenwirken und schrittweise alle Schilder um ein Vielfaches vergrößern.


Dafür braucht es auch bauliche Veränderungen. Um das zusätzliche Gewicht halten zu können, rüstet man Rohrpfosten samt Rohrschellen auf. Die derzeitig Verbauten sind aus Stahl, fassen einen Durchmesser von 60,3 oder 76,1 Millimeter und sind nach der IVZ genormt. Das ist die deutsche Industrie-Norm für Aufstellvorrichtungen von Standardverkehrszeichen und wird von der Güteschutzgemeinschaft Verkehrszeichen und Verkehrseinrichtungen e.V. herausgegeben.
Die neue Schilder-Generation wird mit massiven Vierkanteisenrohren drei Meter tief mit Betonsockel verankert. Vereinzelt werden hierfür Gullydeckel, Spielplätze und die Gleise von Straßenbahnen weichen, heißt es. In Sonderfällen würde ein Schild freilich auch ein Fenster oder ein ganzes Haus verdecken. Das mag so manchen Hausbesitzer stören. »Man befindet sich aber bereits im Gespräch mit den Besitzern und bietet verschiedene Lösungen an. Etwa stellt man ihnen eine Zwangsenteignung in Aussicht oder oder Inrechnungstellung eines Hausabrisses mittels Sprengkommando.«


Mit all diesen Maßnahmen erhofft man sich einen deutlichen Rückgang anstatt ein weiteres Anschwellen von Verkehrsunfällen an diesen oft hellen Stellen. Da nicht alle diese Bereiche aber gut ausgeleuchtet sind, schreitet man auch in diesem Bereich zum Superlativ: Ampeln – Lichtsignalanlagen im Fachjargon genannt – sollen sich dem Gigantismus anpassen. Schließlich soll alles – wenn auch nicht räumlich – in Stadtbild passen.
Eine Ampel, sie zu knechten …
… ins Dunkel zu treiben, fast bis zum Erblinden. So zumindest die offizielle Beschreibung in Braille eines ersten Probanden. Leuchten gewöhnliche Lichtsignalanlagen nur so hell, um einen Spagat zwischen Sichtbarkeit und Sehbarkeit zu schaffen, sollen die neuen Lichtzeichenanlagen sonnengleich den Weg leiten. Der Clou dahinter – wenn die Ampel hell genug leuchtet, spart man sich die restliche Beleuchtung an einer Kreuzung. Und auch in der ganzen Straße.


Die Helligkeit einer gewöhnlichen Straßenlaterne bewegt sich ungefähr im Bereich von zehn Lux, was ungefähr der Helligkeit einer Straßenlaterne bewegt, die zehn Lux hat. »Zu wenig!«, sagt da der Verkehrsminister und will mehr Licht in jedes Gesicht.
Konkret werden die neuen Lichtzeichenanlagen nach Einführung im Herbst 2024 mit knapp 10.000 Lux in den bekannten Farben Rot, Gelb und Grün strahlen und den Anreisenden schon lange vorher die Vorfahrt anzeigen. Zum Vergleich: in einem Studio wird ungefähr mit 1.000 Lux gearbeitet, in einem gewöhnlichen Wohnzimmer herrschen zwischen 300 und 400 Lux. Zum Vorteil hat diese sonnengleiche Ausleuchtung auch, dass man schon einige Kilometer vorher schon die Geschwindigkeit reduzieren kann.
Wer das für übertrieben hält und ein Verdampfen der Netzhaut befürchtet, weil eine solch immense Leuchtkraft auf gerade Mal zehn Zentimeter Durchmesser beschränkt wird, liegt vollkommen richtig. Doch da beruhigt der Minister: Das Bundesministerium für Digitales und Verkehr lässt für die neuen Ampeln den Kalottendruchmesser von derzeit zehn bis dreißig Zentimeter auf eineinhalb Metern erhöhen. Bis die riesigen Scheiben montiert und mit entsprechenden Vierkantrohren einbetoniert werden, wird aber noch ein gutes Jahr vergehen.
Bis dahin soll jeder Verkehrsteilnehmer ausreichend Zeit haben, sich an die neuen Schilder zu gewöhnen.
ap;
Bildquellen:
Der Schilderwald: User Backlist, Wikipedia, (CC BY-SA 2.0)
Das Schild Richtunng A92: Eigenes schlechtes Werk.
Das Schild Einfart Zwiesel: Eigenes schlechtes Werk.
Das Schild in Zwiesel: Eigenes schlechtes Werk.