Aufgrund Rezession: ›ja!‹ – Produkte von REWE heißen bald ›nein.‹

(700 Wörter, 4 Minuten)

Inhalt:
Steter Handel, steter Wandel
Trotz Inflation der gleiche Lohn
Das Ausrufezeichen soll weichen …
Ohne ›Ja!‹ ins neue Jahr
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Steter Handel, steter Wandel

Wir schreiben den ersten Januar des Jahres 1927: Siebzehn Handelsgenossenschafften des Einzelhandels schließen sich zusammen und formen REWE – Revisionsverband der Westkaufgenossenschaften. Erfolgreiche Expansionsjahrzehnte folgen wie 1974 die Übernahme der Leibbrand-Gruppe, zu der auch Penny, Minimal und Toom gehörten.

1982 führt REWE die Marke ja! Ein. Damals besteht dieses Niedrigpreisprogramm aus kaum dreißig Bedarfsartikel, die vier Jahrzehnte später fester Bestandteil jedes REWE-Marktes sind und weit über eintausend Produkte umfassen. Das simple Logo Blau auf Weiß ist das Schwarz auf Weiß dafür, für sein Geld noch etwas zu bekommen.

Zeitsprung. Vierzig Jahre in die Zukunft. 2020er Jahre. Corona. Klimawandel. Konflikte. Krisen. Kriege. Nicht zuletzt dadurch hervorgerufen – stagnierende Wirtschaft, Inflation, Wertverlust. Noch immer ist der Kunde König, doch der Kunde ist nunmehr nur noch Bettler, trotz aller Billigpreise und Rabatten.

Trotz Inflation der gleiche Lohn

Die dicken Jahre sind vorbei, das Wirtschaftswunder verkam zum Gesellschaftsplunder, das Land der Autoindustrie und Deutschen Mark, der Deutsche zimmerte sich mit dem Zahlen der Probleme aller anderen den eigenen Sarg.

Niemand empfindet mehr Begeisterung, wenn der Wocheneinkauf ansteht. Noch weniger kann jemand noch Freude verspüren, sich etwas zu kaufen. Eben weil sich niemand mehr etwas leisten kann. Spätestens seit den letzten Inflationsschüben verzeichnen selbst Grundnahrungsmittel wie Milch, Eier, Gemüse, Salat und Butter Preisanstiege um das Zigfache.

Auf der einen Seite Slogans, Sonderangebote und Scheinschnäppchen, auf der anderen Seite der zu ködernde Kunde als König mit knapper Kasse.

Wie passt das noch zusammen? Tut es nicht, lautet die Antwort. Während das die meisten Händler und Verkäufer nicht stört – schließlich erschafft man weder Reichtum noch Imperien mit Altruismus und Nächstenliebe – will REWE da gegen den Strom schwimmen. Und fängt bei einer der wichtigsten Säulen an: Der Ehrlichkeit.

Das Ausrufezeichen soll weichen …

… und auch das Ja wird man streichen. Ausgerechnet beim eigenen Billigangebotprogramm will man sparen, und aus einem ja! ein nein. machen. Begonnen mit dem Ausrufezeichen. Signalisiert ein solches ja doch den Tatendrang, das Produkt zu kaufen. Ein Ja wie in wie in »Ja! Das kaufe ich! Ich kann es mir leisten!« wird zu einem »Nein.«

Die Beweggründe macht man auch in einem Firmenstatement klar: »Denn wenn wir ehrlich sind, kann sich mittlerweile niemand mehr eine anständige Ernährung, geschweige denn das Leben selbst leisten. Ein Großteil der arbeitenden Menschen in Deutschland schleppt sich mit dauerhaft steigendem Dispositionskredit von Monat zu Monat und jedes weitere Jahr weiter in eine Zukunft, die von Verlust, Verzicht und Verarmung gezeichnet ist. Miete, Nebenkosten, Strom, Sprit und Nahrungsmittel fressen den Bürger auf, während er selbst trotz oft mehrerer Jobs vor leerem Teller verhungert.«

Statt einem Schnitzel bekommt man also die harte Wahrheit serviert. Diese schmeckt nicht und macht noch weniger satt, lässt einem aber gehörig den Appetit vergehen. Schließlich will der zweitgrößte Lebensmitteleinzelhändler in Deutschland (den ersten Platz belegt die Edeka-Gruppe) dann doch an seiner Kredibilität festhalten. Niemand soll sagen, er hätte es besser wissen müssen.

Ohne ›Ja!‹ ins neue Jahr

Jeden Tag ein bisschen besser, so der Slogan von REWE? Sicherlich – und da fängt er aller Fairness zuliebe und löblicherweise bei sich selbst an.

Natürlich ist man sich bei REWE im Klaren, den einen oder anderen Kunden vermeintlich zu vergraulen. Wenn es nach abhängigen Marketingexperten geht, wird REWE aber alte Kunden rasch zurückgewinnen und erstgrößten Lebensmitteleinzelhändler in Deutschland werden. Denn wie im Verkehr soll auch im Handel alles irgendwann bei Rot enden; Gelb ist immer nur ein Zwischenstadium.

Bereits im Januar 2025 soll diese neue Strategie schrittweise umgesetzt werden. Das Ja wird zu Gunsten des Neins ausgeschlichen. Als solch großer Lebensmitteleinzelhändler geschieht das natürlich nicht von heute auf morgen, und die Kunden will man langsam heranführen. Ganz angelehnt an die Politik, die das Land auch in langsamen, dafür steten Schritten zum Entwicklungsland führt.

Bis bestehende Lagerbestände aufgebraucht und die ganze Vermarktung und das neue Logo in allen Produkten adaptiert und Präsentationen geändert werden, wird es noch dauern. Einen festen Zeitplan hat man aber: REWE nahm am ersten Januar des Jahres 1927 seine Arbeit auf. Deshalb soll die ganze Umstrukturierung 2027 – also am hundertsten Bestehenstag von REWE – abgeschlossen sein.

Ein großes Vorhaben. Die bis dahin sicher noch steigende Inflation, ein weiterhin eskalierender oder gar ein neuer Krieg werden aus einer Rezession eine richtige Depression machen und dem Vorhaben Rückenwind verleihen. Passender könnte der Zeitpunkt also nicht sein für ein Nein.

Bildquellen:

Die Kochtöpfe:
Fotografie: Frank C. Müller, Baden-Baden, Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.5

Die Person mit leerer Geldbörse:
User Towfiqu barbhuiya, Pexels