
So viel Phobie wie noch nie

Arachnophobie, Emetophobie, Ophidiophobie – während manche diese Worte noch nie gehört haben, lösen sie in anderen bereits einen unangenehmen Reiz aus. Gemeint sind Ängste, Phobien im Fachjargon genannt, wie etwa vor Spinnen, dem Erbrechen oder Schlangen.
Bei Videospielen sieht man in den letzten Jahren einen Trend dazu, Triggerwarnungen zu integrieren. Vereinzelt ist es schon in älteren Spielen möglich, Blut und Gore-Effekte auszuschalten oder wie in Serious Sam rotes Blut grün färben oder gar zu Konfetti und Blumen werden zu lassen.
Wer Horizon: Forbidden West trotz Thalassophobie (Angst vor tiefen Gewässern oder was dort lauert) genießen möchte, kann eine Option wählen, die ein Ertrinken unmöglich macht und pulsierende Elemente in die Unterwasserwelt einfügt. In Star Wars Jedi: Survivor, Hogwarts Legacy und Evil West gibt es Arachnophobie-Einstellungen, die Spinnen aus der Spielwelt entfernen.

Erkennbar ist nicht nur ein Trend oder die Tendenz, sondern festes Treiben in diese Richtung. Viele Videospielentwickler ziehen nach. In absehbarer Zeit werden Einstellungen wie diese fester Bestandteil, wie etwa Modi für Farbblindheit. Weiterhin ist es schon Standard, beim Starten jedes Videospiels oder Filmes eine Epilepsiewarnung zu bekommen.

Weil in geschriebenen Zeilen die Ängste verweilen
Wie steht es da aber um die Literatur und das ganze Buchwesen? Schlecht.
Jede Angst gedeiht prächtig auf dem Boden der Fantasie, weshalb es beim Lesen weitaus schwieriger ist, der Angst den Nährboden zu entziehen. Ein Monster in einem Film ist, wie es erschaffen wurde, 1:1 für den Konsumenten. Das beschriebene Monster in einem Buch aber ist nicht nur so schrecklich, wie es der Autor erschuf, sondern so schrecklich, wie es die Fantasie des Lesers zulässt.

Während noch vor Jahren Bücher schon anhand des Buchtitels, Covers oder allein durch die Erwähnung des Autors (»Der neue King!«) verrieten, woraufhin man sich einlässt, will dies mittlerweile nicht mehr ausreichen. Man will vorbereitet und gewappnet sein. Nur wenige Monate nach der letzten Buchmesse in Frankfurt trafen sich Vertreter der größten Verlagshäuser, unabhängige Verleger, Lektoren und Autoren.
Schnell kam man zu dem Entschluss: Es reicht nicht, mögliche Trigger und Phobien aufzulisten. So verlangt der Vertrag, eine vollständige Auflistung aller Phobien vor das Werk zu stellen und alle zutreffenden Trigger und Phobien in Fettschrift kenntlich zu machen.
Auf der letzten Seite dieser Auflistung muss der Leser zusätzlich direkt im Buch einen Endnutzer-Lizenzvertrag unterschreiben. So verhindert man rechtliche Schritte von im Nachhinein Geschädigter.

Im Buchwesen ist man deshalb bemüht, diese Liste immer vor Veröffentlichung des Buches vollständig zu halten (etwa aus der deutschen oder englischsprachigen Wikipedia zu entnehmen, da diese umfangreicher ist) und bei jeder Neuauflage eines Buches anzupassen. Um ein versehentliches Überlesen zu Seiten des Lesers zu minimieren, muss zudem die Schriftgröße dieser Liste 175 Prozent der Schriftgröße des Lauftextes betragen. Bei manchen Werken beläuft sich diese Auflistung so auf fünfzig oder mehr Buchseiten.
Mit weiteren Kosten ist ebenso zu rechnen. Neben Lektorat, Korrektorat und Coverdesigner werden für professionelle Bücher nun auch Triggerat und Phobiat benötigt. Zwei neue Berufsbilder, die bis 2025 entstehen werden.
Nicht ganz ohne Hohn der Gegenfraktion
All diesem Wirbel im Buchwesen nicht genug, gibt es eine weitere Fraktion, die sich massiv gegen eine vorangestellte Triggerwarnung stellt. Während der Sinn einer Triggerwarnung verstanden wird, fällt die Gegenargumentation ebenso stichhaltig aus.
Eine Triggerwarnung kann Schlüsselelemente eines Werkes schon vorab verraten, Spannung zerstören und massive Spoiler setzen. Etwa weil bei einer Szene Blitze und Donner vorkommen, ein Betreffender aber unter Astraphobie leidet und davor gewarnt wurde. Oder sich der Schlusskampf auf dem vierten Stock eines Gebäudes abspielt (Tetraphobie) und Schusswaffen verwendet werden (Hoplophobie), die zudem laut und plötzlich sind (Ligyrophobie).

Eine nicht minder wichtige Rolle spielt auch der Nocebo-Effekt; allein zu erwähnen, dass ein Werk gewisse Inhalte besitzt, kann die Angst schon im Vorfeld hervorrufen oder verstärken. Viele Gegner von Triggerwarnungen fühlen sich zudem bevormundet, gesagt zu bekommen, auf was sie sich einlassen.
Zu guter Letzt: Kein Recht verletzt
In einem weiteren Zusammenkommen beider Fraktionsvertreter einigte man sich vertraglich darauf, eine Triggerwarnung vor die Triggerwarnung zu setzen – die Triggerwarnungwarnung.
Da sich die Triggerwarnungwarnung nach dem Schriftsatz, Layout und Vorgaben der Triggerwarnung richtet und diese samt eigenem Endnutzer-Lizenzvertrag ebenso direkt im Buch unterzeichnet werden muss, sind im Durchschnitt zwanzig weitere Buchseiten notwendig.
Eine weitere Seite wird vor Triggerwarnung und Triggerwarnungwarnung platziert, die den Lesenden vor Triggerwarnung und Triggerwarnungwarnung warnt. Sollte es nämlich jemanden geben, der unter einer Albumistaphobie oder Albumistanumerophobie leidet, der Angst vor Listen, kann dies bereits Reize auslösen.

Diese allererste Warnung wollte man schlicht Triggerwarnung nennen. Aufgrund verwechslungstechnischer und somit rechtlicher Gründe ging das aber nicht, da schon die erste Triggerwarnung Triggerwarnung heißt. Triggerwarnungwarnung ging auch nicht, da schon die zweite Triggerwarnung Triggerwarnungwarnung heißt. Übrig blieb also nur noch Triggerwarnungwarnungwarnung. Aufgrund einer Klauses im Gesetzbuch zur Gleichberechtigung muss jedoch ein weiteres Mal davor gewarnt werden, dass eine Warnung kommt, die vor einer Warnung kommt, die vor einer Warnung kommt, ist die erste Seite des neuen Teils für jedes Buch die Triggerwarnungwarnungwarnungwarnung.
Wie man sieht, sind noch große Hürden zu meistern. 2025 erwarten nicht nur Verlage, sondern besonders die Leser mehr Auflagen – und das nicht im verlegerischen Sinne hoher Verkaufszahlen gemeint.
Es bleibt also spannend auf dem Buchmarkt.
Bildquellen:
Screenshot der Phobienauflistung:
Eigener Screenshot, gemacht von der Seite Liste von Phobien auf Wikipedia
Das Videospiel mit Arachnaphobie-Einstellung:
Eigener Screenshot des Videospiels Evil West, im Optionenmenü
Das Videospiel mit Farbblindheit-Optionen:
Eigener Screenshot des Videospiels Cyberpunk 2077, im Optionenmenü.
Die Katze:
Monique Laats, Pexels
Die Blumen:
Unchalee Srirugsar, Pexels
Der Blitz:
Philippe Donn, Pexels