Es ist Licht am Ende des Tunnels! WC-Lichter auf dem Vormarsch!

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Es werde Licht!

2022 endete friedlich. Nun, 2023 – die Welt ist in bester Ordnung. Es gibt keinen Krieg, keine Krisen, keine Krawalle. Zeit, sich auf sich selbst zu besinnen, den Fokus auf elementare Dinge zu legen – oder welche zu suchen, die man als wichtig genug deklariert, sie eskalieren zu lassen. Und allem voran: zu hassen!

Da kam es nur zurecht, dass Lidl ohne die Mehrheit zu fragen ein WC-Licht auf den Markt brachte. Und schon vereint sich das Internet zum gemeinsamen Feind. Die Kernfrage aber bleibt: Warum macht Lidl das? Und immer, wenn bieder auf das zuwider trifft und das Niveau versifft, nehmen wir von Brummbrummquietsch es uns zur Aufgabe, der Sache nachzugehen.

Und es beginnt mit dem Ende.

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Pralleluja! Nachkomme von »Johannes der Täufer« gründet als »Johannes der Säufer« Glaubensgemeinschaft

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Hinter allen alten Leiern steckt immerzu auch Bayern

Für gewöhnlich wird bei BBQ keinen Meldungen nachgegangen, und Einsendungen und Vorschläge zumeist ignoriert. In diesem Fall klang es aber zu fantastisch, um sich nicht persönlich davon überzeugen zu wollen. Eine neue Glaubensgemeinschaft, basierend auf Johannes dem Säufer, einem angeblichen Nachfahren von Johannes dem Täufer? Sollte alles also mehr als nur ein Reim irgendeiner dauerberauschten Ulknudel sein?

Das konnten wir zumindest nicht unbestätigt lassen. So führt mich unsere berichtserstattende Mission zu Ende des Jahres 2022 ein weiteres Mal ins beschauliche, zutrauliche und immerzu brauliche Bayern. In diesen niederen Landen war ich die letzten Monate schon des Öfteren zugegen, etwa um über Brauer sucht Frau zu berichten und der Behauptung nachzugehen, ob es wirklich bald ein 94427 Zwiesel als Seifenoper gibt.

Da wir, anders als unsere Leser, bisher nie enttäuscht wurden, entschied die Redaktion, sich auch dieses Mal ins bierphile, buschlandige Bayerngefilde zu wagen.

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Dazu sind wir mit einem ganz besonderen Mann verabredet. Einem Oberhaupt einer ganzen Religion, oder zumindest Glaubensgemeinschaft. Zielstrebig führt uns unser Navigationsgerät in einen beschaulichen Kurort mit einer 9er Postleitzahl. Ausgestiegen, wächst vor uns eine Brauerei in nostalgisch-schöner Backsteinoptik in die Höhe. Sind wir hier richtig? Offenbar. Denn oben prangern uns die riesigen, altdeutschen Lettern BRAUWERK einen Teil der Botschaft schon entgegen.

Keine zehn Sekunden warten wir vor dem Charme und Malzgeruch versprühenden Klinkersteingebäude, als der Mann der Stunde und Mann der Runde aus dem Brotzeitraum wankt. Von einem Oberhaupt sollte man eher ein distanziertes Auftreten, gar Überheblichkeit gewohnt sein. Der aber scheint eine Gestalt des Volks zu sein.

In den prallen Hallen von Bier und Lallen

»Servus und guten Morgen! Willkommen beim Brauwerk!«, sagt der breitschultrige Mann und stützt sich kurz an der Wand an. Er selbst findet Halt, seine Worte nicht, die beschwipst über die Lippen kommen. Er mag wohl Mitte 50 sein, trägt Glatze, Jeans und Hemd, ein gepflegter Vollbart umrahmt sein freundliches Gesicht. Er erkundigt sich, wie die Fahrt in die Tiefen des Bayerischen Waldes war, und bittet uns dann, ihm in sein Büro zu folgen. Vorbei geht es an Lagerräumen, hoch ins gläserne Treppenhaus, durch dessen Scheiben man Abschnitte der Bierproduktion beobachten kann.

Es ist gerade mal acht Uhr morgens, doch schon herrscht tüchtiges Geschäftstreiben. Meine Assistentin tippt mich unauffällig an und fragt mich etwas zweifelbehaftet, ob wir hier schon richtig sind. Doch ja, sind wir – denn noch vor seinem Büro als Ziel passieren wir einen kleinen Saal, der eine Miniaturkirche sein könnte. Eine Brauerei, ein Gebetsraum, oder zumindest sakraler Raum – es würde zusammenpassen.

Wir folgen dem Oberhaupt der Gemeinschaft in sein Büro. Links vom Türstock sieht man ein frisches Namensschild. Spiritus Rector: Frank Schütthauser, heißt es dort. Nun, Spiritus Rector hieße übersetzt treibende Kraft. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das Spiritus hier nicht eine zweite Bedeutung hat.

»Mit bürgerlichem Namen heiße ich Frank Schütthauser«, bestätigt er und lädt uns ein, auf den dicken Ledersesseln Platz zu nehmen. Auf seinem riesigen Schreibtisch liegen allerlei Unterlagen. Ziemlich analog fürs Jahr 2022. Dafür steht eine ganze Reihe voller Bierflaschen und weiterer Spirituosen säuberlich arrangiert und präsentiert dort. Mit der Braukunst verwandte Reliquien gefüllte Vitrinen schmücken die Wände. Darin liegen Bauteile von Maschinen, Bilder und Bierflaschen.

Schütthauser nimmt uns die Aufgabe des Fragestellers ab, indem er gleich loslegt: »Mein Bruder, der Georg ›Schos‹ Schütthauser betreibt Ahnenforschung. Als er mir von der Entdeckung berichtete, Johannes der Täufer sei unser Urahne gewesen, war ich sofort Feuer und Flamme.«

»Zuerst zu Ihrem Namen, Herr Schütthauser: Störte Sie Ihr normaler Name?«

»Nein, und bitte duzen. Wir sind in Bayern.«

Also gut. Dann duzen wir. »Störte dich Frank als Name, weil du ihn gar so schnell abgelegt hast?«

»Nein, mein normaler Name störte mich nie. Noch weniger der Spitzname Frank der Tank, der von meiner Wampe samt entsprechendem Fassungsvolumen herrührt«, erinnert er sich, lehnt sich in den knarrenden Sessel und krault sich seinen Kessel, über dem das Hemd als Gewand spannt. »Wollt ihr etwas trinken?« Seine wurstigen Finger ohne Ehering verweisen auf die Flachmänner und etlichen Flaschen Bier vor sich, die den Namen Pastor tragen.

Den Namen hörte ich noch nicht, muss hier aber populär sein. Nur Wasser, sagen wir, worauf er hin die Stirn runzelt, überlegt und schließlich seinem Sekretär Andy the Brandy – das steht wirklich auf dessen Namensschild – bittet, entsprechende Flüssigkeit zu holen, die hier wohl nur zum Händewaschen und Boden putzen verwendet wird. Schütthauser selbst lässt den Schnappverschluss einer Bierflasche ploppen und gluckert sie in nur einem Zug hinunter. Meine eigene Assistentin schluckt geschockt.

»Wenn andere schon abwinken, beginne ich erst mal zu trinken. Dennoch fühlte ich eine sofortige Verbundenheit zu Johannes dem Täufer. Nur eben als Säufer. Es war eine Erleuchtung und Erfüllung, wie ich sie noch nie spürte. Prost Pastor!« Als Verstärkung dieses Arguments gluckert er den nächsten Pastor in einem Zug den Schlund von Kehle hinunter.

»Verständlich, Frank. Wie bist du auf den Reim gekommen? Wenn man ehrlich ist, ist es im Grunde nur ein anderer Buchstabe und wohl einem allzu eigentümlichen Reim geschuldet, der seinerseits im Suff nach ein, zwei Bier zu viel entstanden sein mag?« Freilich mag das beleidigend klingen, aber das Volk hier in Bayern mag es direkt und geradeaus, also genieren auch wir uns nicht.

Eine direkte Frage, die sich an dieser Stelle wohl viele stellen. Zusammen mit der Causa, ob das alles nicht nur ein zusätzlicher kleiner Scherz war, um die Verkaufszahlen der Brauerei anzutreiben.

Eine dichte Geschichte

Der neue Johannes, der neben Säufer auch als Maßmeister, Pullenpapst, Tankwart oder Promilleprophet genannt werden kann, will angeblich Dokumente besitzen, die ihn als direkten Verwandten von Johannes dem Täufer ausweisen.

Zeigen kann er uns diese Dokumente soweit nicht. Den Vorwand, der Umzug vom Weinkeller des Elternhauses in die erworbene Brauerei liefe noch immer und die Dokumente müssten noch von seinem Bruder Schos sortiert werden, müssen wir wohl unbestätigt im Raum stehen lassen.

Zur Erinnerung aber: Johannes der Täufer als sein angeblicher Vorfahre wird von den Urchristen im Neuen Testament als Wegbereiter Jesu Christi und Prophet der Endzeit beschrieben. Er wurde sogar als Heiliger verehrt. Die Mandäer hingegen sehen ihn als einen der wichtigsten Reformatoren.

Wir fragen den neuen Johannes, ob und was bei ihm auch so ist. »Nun ja«, gluckst er und hebt plötzlich ein Whiskeyglas mit sanft orangefarbener Flüssigkeit, leert es in einem Zug. »Warum nicht alles?«

Eine Frage, die er uns gut erläutert. Handelt es sich ja doch nicht nur um Überzeugung am würzigen und feurigen Wasser, sondern um regelrechten Glauben. Zwar sind sie primär dem Bier zugesprochen. Da sie sich aber meistens dem Gebot »Kein Bier vor Vier« beugen, wird davor nur Wein getrunken. Gemäß dem Motto »Wein ist rein und darf immer rein«. An der Wand hängt eine entsprechende Karikatur. Eine Weinflasche, die zum Mund deutet. »Portwein immer dort rein«, steht darunter. Daher ist es die Glaubensgemeinschaft auch eine Traubengemeinschaft; sie glaubt an die alltägliche Kraft der gärenden Traube als Lebenssaft.

Ideen, zu gut, um gerade zu gehen

Inspiration holt sich der Säufer dafür aus anderen Religionen, Gemeinschaften und Weltanschauungen. »Wir machen es wie beim Bierbrauen – wir versuchen viel, auch etwas Neues. Im Grunde nehmen wir von allem nur das Beste, aber keinen Tropfen und kein Gramm mehr, aber immer möglichst viel. Immer gebunden an das Reinheitsgebot von 1516, als Grundlage von unserem Reinheizgebot.«

Dabei weiß der Säufer nur zu gut, von was er spricht. Ist er doch Brauereimeister. Mit dem Kauf der einst insolventen Einrichtung und dem Umzug hierher ist das mittlerweile in Brauwerk umbenannte Bauwerk eben auch der Sitz dieser Gemeinschaft. Geholfen hat ihm dabei finanziell der Sohnemann Bernhard, den er als Berny the Boozehound tituliert. Der nahm an extra vielen Trinkwettbewerben teil, um Geld für die Finanzierung anzuschaffen.

Und was die Namensgebung angeht: »Kirche als Bezeichnung wollten wir nicht nutzen, um keine Verwechslung oder Probleme mit der christlichen oder protestantischen Kirche anzustacheln. Da es sich bei seiner Brauerei aber um ein seiner Meinung nach sakrales Bauwerk handelt, nannte ich es schlichterweise Brauwerk. Das hauptsächlich produzierte Bier heißt Pastor. Das ist lateinisch für Hirte, sagt er. »Denn das Bier ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Es zerlegt mich blau auf einer Aue und führt mich weg von barem Wasser. Es erquicket meine Kehle.«

»Der Psalm 23 lautet zwar anders, aber alles, was hilft, ist gut. Richtig?«, bringe ich etwas Sarkasmus ins Spiel.

»Richtig. Es muss knallen, bis alle lallen und fallen.«

Was die Bierarchie als Hierarchie angeht, sah sich Schütthauser von weiteren Titeln inspiriert. Er selbst ist neben dem Spiritus Rector der Pintifex Maßimus – eine Kombination aus Pontifex maximus als Titel für den ranghöchsten Priester und die Pinte als altes Raummaß für beispielsweise Bier. Sowie natürlich der Maß selbst, das Maß und Gefäß für einen Liter Festbier. Neue Anhänger nennen sich in der römisch-katholischen Kirche Akolythen, übersetzt Gefolgsmann, Begleiter. Beim Brauwerk sind das die Alkolythen.

»Tanke hart, wanke hart, danke hart.«

Motto des BRAUWerks

Mit diesem Rang fängt es an, und die Höherrangigen in der Bierarchie der Gemeinschaft geben ihr Bestes, damit aus jedem empfänglichen Anhänger und Streber mit Bierdose ein Hebervirtuose mit Leberzirrhose wird. Ein passendes Beispiel ist sein Assistent Andy the Brandy – das steht sogar auf seinem Namensschild – , der wortlos ins Büro kommt und dem Säufer eine frische Whiskeyflasche hinstellt. Es ist ja doch schon fast neun Uhr mittlerweile.

Bescheiden ist er trotzdem, denn auch seine Anfänge waren klein. Schließlich wird man nicht über Nacht ein Oberhaupt einer ethanolenthusiastischen Gemeinschaft. Da braucht es schon ein ganzes Wochenende.

Vom Kaufmann zum Saufmann

»Ich fing klein an«, sagt er. »Mein Werdegang: Als ständig Blauer und Pfälzer zum Brauer und Mälzer.« Bevor er in Regensburg in der Oberpfalz die Lehre zum Brauer und Mälzer mit Bestnote abschloss und daraufhin seinen Braumeister machte, arbeitete er im Einzelhandel. Schon damals dem würzigen Gerstensaft zugesprochen, wurde der gelernte Kaufmann zum Saufmann, wie er prahlt und darauf einen weiteren Obstler trinkt. »Aber irgendwann war es nicht mehr tragbar«, sagt der Säufer.

»Verständlich. All die Probleme, die mit der Trinkerei im Job kommen?«

»Nein, nein, das nicht«, wiegelt er ab. »Die ganzen Kästen ins Büro in den zweiten Stock zu hieven war nicht mehr tragbar.« Er fasst sich an den Rücken. »Der Rücken ist nicht am Entzücken mit all dem Bücken, weißt du.«

»Aber bis auf den leidenden Rücken gab es sicherlich schlimmere Auswirkungen? Insbesondere auf die Kollegen?«

»Mei, geht so. Aufgrund der Trinkerei und Hinterherhinkerei wurde eine ganze Abteilung dicht gemacht.«

»Oh. Man hat sie geschlossen?«

»Nein. Ich habe mein Bier stets geteilt, und damit die Abteilung dicht gemacht. ›Für jeden Lumpen einen Humpen‹ lautete die Devise, doch war diese eine miese, wie sich herausstellte.« Schütthauser der Säufer stößt empört die Luft aus den Nasenflügeln und greift zu zwei Schnapspralinen in einer Schublade. »Lauter Läuche! Die packten ja kaum vier Halbe zur Brotzeit, ohne vor Mittag arbeitsunfähig zu sein.«

Er lacht, greift zu einem weiteren Pastor und zieht die Pulle in einem Zug leer, um den Geschmack der Pralinen wegzuspülen. »Deshalb machte ich die Umschulung. Ich nenne es gerne die Rumschulung, weil ich in der Schule meine Vorliebe für Rum entdeckte«, witzelt er. »Die Kündigung hingegen verlief problemlos. Mein Personaler sagte damals, wenn ich mich bei der Weihnachtsfeier erneut betrinke, erlässt er mich fristlos. Nun, vierzehn Gläser Glühwein später war ich den Job los. Man kann sagen, ich wurde auf eigenen Punsch entlassen. Das Leben ist also doch ein Punschkonzert. Aber um die Arbeit ist es nicht schade gewesen. Der Personaler war ohnehin ein Analer. Ein Arschloch quasi.«

Das Ethanol für jedes Wohl

»Wir haben viel gemein mit dem Ethanol«, predigt das Braumeisterwissen aus ihm. »Weils irgendwann jeden mit dem richt’gen Destillat, komplett in die Binsen brat«, schweift er in den Dialekt ab. »Ethanol ist das, was wir umgangssprachlich als Alkohol beschreiben. Doch wir haben mehr damit gemein. Wie das Ethanol haben wir Menschen molare Masse, die man als orale Masse oder moralische Masse verstehen kann. Je mehr wir beim Feiern den Oralischen haben und reinlitern, desto sentimentaler werden wir. Ich zumindest.« Er kichert kurz, ext einen Flachmann aus der Brusttasche.

»Erst kommt die Wallung, dann kommt die Ballung der Knallung.«

weisheit des brauwerks

So scheint es, da der Braumeister, der mit seinem Brauwerk schon bei Brauer sucht Frau mitwirkte, jetzt schon wie eine brennende Pylone leuchtet. Und mit etwas Eifer und Euphorie gibt es für jedes Wort eine passende Definition. Euphemismus nennt sich. Schönreden.

»Ethanols Siedepunkt liegt bei 78,3 Grad Celsius. Bei mir selbst weiß ich es in Grad nicht, aber ich erreiche meinen ersten Siedepunkt nach knapp eineinhalb Kästen Bier. Netto, versteht sich, also Wein und Whiskey nicht eingerechnet. Wie ich immer sage: Es ist erst eine gute Dosis, wenn man merkt, dass entweder was oder nichts mehr los is. Im Zweifelsfalle wird in die Luke reingeschmettert bis es einen ganz komplett zerschmettert.

Am Ende kommt der Brechungsindex. Der bei Ethanol 1,364 und bei Wasser bei 1,333 liegt. Ziemlich nahe beieinander also. Was sagt uns das? Richtig. Man bricht von beidem. Also lieber was mit Geschmack und Würze! So weit sollte man es aber nicht kommen lassen. Kennen muss man sich dann schon! Lieber ein sattes Pralleluja statt ein Schwalleluja! Auf Bayern reimt sich feiern und auch reiern, aber nur eines geht.«, maßregelt er, öffnet eine weitere Schublade seines Tisches, holt zwei bereits gefüllte doppelte Schnapsgläser heraus und definiert die kehlige Gönnung auf ein Neues.

»Die Dichte von Ethanol liegt bei einer Temperatur von 20 Grad Celsius bei zirka 0,8. Bei einem ranghohen Mitglied vom Brauwerk liegt die Dichte konstant.«

»Konstant bei was?«

»Konstant auf Volllast. In der Regel gleicht der Pegel einem geworfenen Schlegel«, sagt der Brauer. »Also dauerdicht.«

Der gelernte Kaufmann und examierte Saufmann offeriert mir etwas von dem klaren Gebräu, doch lehne ich ab. Erneut. Und eines muss man der hopfigen Horde hier in Bayern lassen – sie sind nicht nur trinkfreudig, sondern überaus gesellig.

Und natürlich ein Symbol für Alkohol

»Hat deine Gemeinschaft ein spezifisches Symbol? Ein Insigne oder Hoheitszeichen, wie man es bei richtigen Religionen sieht?«

»Ursprünglich wählten wir als Symbol eine Spinne. Kleiner Körper, lange Beine.«

»Etwa ein Weberknecht? Und wenn ja, weshalb eine Arachnide als Symbol?«

»Ja«, sagt der Säufer. »Das wäre aber kein Weberknecht, sondern unser Heberknecht und Leberknecht gewesen. Und die acht Beine standen einst für die sieben Gebote.«

»Sieben? Nicht acht?«

»Ursprünglich, ja. Aber an dem Abend, als wir uns das erdachten, haben wir versehentlich einen Kasten zu viel aufgemacht und drei dieser sechs Gebote versoffen. Vergessen. Vergessen meine ich.«

»Vorher waren es noch sieben Gebote?«

»Ja. Meine ich. Fünf Gebote waren es. Wir haben die Idee wieder verworfen.« Er bietet mir erneut einen Schluck an, nein, eine ganze Flasche und Kasten schon bald. Aber ich möchte nüchtern bleiben, um die Durchschnittspromille im Raum zweistellig zu halten.

»Wir haben uns letzten Endes für eine schlichte Dreifaltigkeit entschieden. Wein, Bier, Whiskey, oder wahlweise Branntwein. Wenn man morgens Wein, nachmittags Bier und abends Whiskey trinkt, faltet es einen so dermaßen zusammen, dass man nur von einer dreifachen Faltigkeit, also Dreifaltigkeit sprechen kann. Dieses Dreifaltigkeitsdelirium ist bei uns als höchste Instanz des Glaubens beschrieben. Ein Loslösen von allem. Deshalb ist Ethanol auch eine Lösung. Die Lösung für alles. Das schafft nicht einmal eine richtige Watschen, einen so dermaßen zu brettern aus den Latschen. Und auch keine Ohrfeige, dass einem das Blut so in den Kopfe steige. Noch weniger ein Kinnhaken, der einen waagerecht betoniert auf das Bettlaken.«

»Das ist generell aber schon ein ungesunder Lebensstil, nicht wahr?«

»Es gibt nur einen Stil, und der heißt ›viel‹. Man lebt nur einmal! Aber das muss man einfach er- und überlebt haben«, schwärmt der Säufer. »Erst am gestrigen Sonntagabend hatte ich ein solches Ergebnis und Erlebnis.«

Dass die nüchterne Welt bereits Mittwoch schreibt, erwähnte ich mal nicht. Dafür will ich wissen, wie es mit neuen Mitgliedern aussieht.

»Wir rekrutieren die auf allen Vieren«

»Wir sind dauerhaft und brauerhaft auf der Suche nach neuen Mitgliedern. Diejenigen, die schon schwanken, werden unserem Tun auch danken. Und die Promillepenner mit nem Dauerbrenner kommen meist von selbst. Hilfreich dabei ist unser bestes Bier, der bewährte Pastor, der sich großer Beliebtheit erfreut. Falls das nicht reicht, haben wir noch einen Doppelbock im Angebot. Ursprünglich wollten wir diesen Reformator nennen, doch war der Name schon vergeben. Ebenso Liberator. Und Animator. Selbst die Wahl auf Terminator fiel ernüchternd aus – Name schon vergeben. Nachdem wir noch einmal mit Bier und Gedanken in uns gingen, einigten wir uns auf Absolutor. Das heißt übersetzt in etwa der Erlöser und Freisprecher mit knapp 22 Grad Plato Stammwürzegehalt.

Wenngleich es bei weitem nicht das stärkste Bier sein mag«, so sagt der Säufer, »so ballert es doch ziemlich rein und erteilt jedem mit nur einem einzigen Sixpack die Absolution und Freisprechung. Und was der Absolutor nicht in der einzelnen Flasche an Wumms hat, der Absolutor nach der zehnten Mass dann doch an Rumms hat.«

Der Absolutor. Es macht Sinn, wenn man darüber nachdenkt. Denn nur wenn man eine gewisse Anzahl Umdrehungen im Blut hat, herrschen Ordnung und Friede in einem selbst. Doch für wie lange?

»Man muss täglich an einem arbeiten und die Leber erziehen und züchtigen«, kommt er mir der Folgefrage zuvor, wo und wie das enden soll. »Und was die neuen Mitglieder angeht: Bist du besoffen, sind wir offen«, predigt er lallend, und muss sich hierfür an der Tischkante festhalten, um nicht vom Stuhl zu fallen. »Egal welches Geschlecht, egal welches Gemächt, egal welche Gesinnung und egal welche Spinnung, egal welche Herkunft, Brunft und Zunft. Hat man den Glauben an gegärte Trauben, den Ansporn für Doppelkorn, ein Gehör für Likör, nichts einzuwenden bei Obstbränden, nutzt man den Wermut gegen Schwermut und lässt man jede Pulle in einem Zug verschwinden, wird man bei uns sein Seelenheil finden.«

Am Ende gibt es Weinbrände

Der Vormittag geht dem Ende zu, und auch die Aufnahmekapazität des Braumeisters. Wir bedanken uns für das aufschlussreiche Interview und nehmen dankend die Einladung an, eine Tour durch das Brauwerk zu machen und zum Mittagessen eingeladen zu werden.

Das macht aber einer seiner Gefolgsmänner. Am Schluss dieses Interviews bedankt er sich mit Handschlag (er verfehlt meine Hand zwei Mal) und betankt sich mit einem Flachmann, den er aus der tiefen Brusttasche holt und in einem Zug leert. Unverkennbar ist der erste Pegel von Johannes dem Säufer erreicht.

Laut Namensschild übernimmt jetzt Boozehound Bernhard, der uns auf eine ausführliche Tour durch die Brauerei mitnimmt. Am Schluss bekommt jeder ein Abschiedsgeschenk: Eine dezente Holzkiste mit einem, wie er sagt, edlen Weinbrand. Und bis wir uns versehen, dürfen wir unseren Kofferraum unseres Multivans mit Bierkästen vollladen. Es auszuschlagen wäre nur unhöflich.

Erneut wurde das Bildnis des Volkes hier in Bayern nicht nur bestätigt, sondern bestärkt. Doch so sind sie nun mal die Bayern – sie essen gern, sie trinken gern. Da wäre es verwunderlich gewesen, hätte sich irgendwann nicht eine solche Gemeinschaft gebildet.

In der Welt gibt es viele Gemeinsamkeiten. Es gibt die Pastafari als Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters, Adonitology, eine Religion, welche die kurvigen Hintern von Frauen anhimmelt und den Jediismus, der von den Jedi aus dem Star-Wars-Universum inspiriert wurde. So viele Religionen und Anschauungen es gibt, es ist der Glaube, der sie alle vereint.

Und warum sollte man nicht auch an Ethanol als höchstes Wohl glauben?

Bildquellen:

Das Logo samt Motto: Eigenes schreckliches Werk
Die Biere: tookapic, Pixabay
Der Brandy: Eva Bronzini, Pexels
Die Brauerei: PublicDomainPictures, Pixabay
Das Bierglas: Engin Akyurt, Pixabay
Die Bockbiere: Aloxe, Wikimedia Commons, (CC BY-SA 3.0)
Der Telegraph: Franz P. Sauerteig, Pixabay
Die Bierflasche: Fernando Latorre, Pixabay
Der Johannes der Täufer: Rufus46, Wikimedia Commons, (CC BY-SA 3.0)

Bodybuilding: Neues Gym „Rühlsches Strammhaus“ in Kooperation mit Augustiner-Bräu

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Damals noch ein Stammhaus, nun ein Strammhaus.

Der Gerstensaft für Leibeskraft?

Den Stolz kann man Markus Rühl trotz seiner glasigen Augen ansehen, und die Ungereimtheiten und mangelnde Fairness bei damaligen Wettbewerben, hat er schon längst überwunden. Wir treffen ihn an einem sonnigen Montagmorgen in seinem neuen Fitnessstudio. Dort hängt er an den Tresen, blickt leicht verträumt durch die Hallen von Schweiß und Eisen. Eine sanfte Fahne weht uns entgegen, gemischt mit der Würze eines Bierfurzes.

Eine Einführung benötigt der legendäre Körperbauherr nicht. Er ist die wahre Größe und Aushängeschild des deutschen Kraftsports. Auch, wenn er noch nie den ersten Platz bei Herr Olympia oder vergleichbar erreichte, ist er der wahre König der Kraft. Die Wurzeln eines wachsenden Strammbaums, ein Stemmesbruder und Muskelvater.

Nun mag man sich fragen – wie passen Alkoholkonsum und ein Fitnessstudio überhaupt zusammen? Überraschenderweise gut. Denn die Zeiten sind vorbei, in denen sich Sportler, Szenepumper und Saunagänger nach ihrer Anstrengung ein kühles, alkoholfreies Bier genehmigen. Heute gibt es Wärme für die Därme und es wird in die Windungen reingeprallt, bis man nur noch lallt.

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