Auf das alles, was dem Menschen bleibe, der Gram sei und die Langeweile

Schon oft hatte ich geplant, eine Liste mit denjenigen Menschen und nervigen Dummindividuen zu machen, die mir am mächtigsten auf den Zylinder brunzen. Irgendwann hat sich herausgestellt, dass es relativ viele sind und ein einzelner Post beileibe nicht mehr genügt. Während ich vor längerer Zeit bereits für die typischen Fitnessstudio-Besucher und Verkehrsteilnehmer sowie für die Seniorchefin-Drachen einen Post erstellt habe, gibt es nun einen weiteren Post.

Genauer gesagt handelt dieser Post sogar von zwei Sonderposten der Gesellschaft: Dem Frührentner und dem Permanentgelangweilten. Wobei diese beide Kategorien oftmals so nahe beieinanderliegen, dass sie im Grunde schon zueinandergehören und sich dabei wenig nur genieren, sich heftigst auch zu penetrieren. Freilich gibt es auch recht chillige Artgenossen der knapp Hundertjährigen. In diesem Post ist aber insbesondere von den älteren Herrschaften die Rede, die im Grunde schon seit zwei Dekaden tot sind, es aber nicht einsehen wollen. Diejenigen Individuen, die ihre restlichen Tage nicht einfach genießen können, sondern ihr durch Langeweile bestimmtes Dasein auf Bänken und in S- und U-Bahnen fristen und sich über alles und jeden aufregen und alles anpöbeln, was atmet und in den Wirkungskreis ihrer kataraktgetrübten Linsen kommt. Und dabei noch denken, dass sie eine Extraportion Respekt verdient haben, nur weil sie alt sind.

Erstens ist das Altsein werden keine Leistung und zweitens sollte Respekt niemals etwas mit dem Alter zu tun haben. Weder damals, noch heute, noch irgendwann. Ein normal denkender Mensch respektiert jeden, unabhängig von der Hautfarbe, Religion, Weltanschauung, Rasse, Rang, Titel, Aussehen, Sexualität. Wer es nicht tut, ist ein scheißverdammter Vollidiot. Punkt. Respekt gehört stets dem gezollt, der den Menschen in seinem Umfeld auch mit Respekt und Achtung entgegentritt. Behandelt mich ein Zehnjähriger freundlich, behandle ich ihn auch freundlich. Und schnauzt mich ein Achtzigjähriger an, habe ich jedes Recht, genauso dumm zurückzuschnauzen. (Auch wenn man es für gewöhnlich ignoriert, darübersteht und höchstens einen schlechten Post darüber schreibt.) Kurzum: Führst du dich auf wie ein Arschloch, wirst du behandelt wie ein Arschloch. So einfach ist das.

Meistens paart sich diese ältere Fraktion mit den Predigern. Nein, ich rede hier nicht von Geistlichen einer Religion, sondern von den Predigern der Mitteilungsbedürftigkeit. Kennt Ihr nicht? Doch. Kennt Ihr. Jede Wette.

Hier geschieht es meistens. Flucht zwecklos.

Das sind diejenigen, die sich im pluralisierenden Monolog mit sich selbst befinden und alles in der dritten Person sagen. Bestes Beispiel wäre die alte Dame, die hinter einem an der Kasse ihren Wagen ausräumt und diese Tätigkeit auch noch detailliert kommentiert und dokumentiert.

Und zwar so lauthals und unaufhörlich, dass es selbst der schwerhörige, grüne T-Shirts tragende Fettsacksohn vom Hausmeister Brackenmeier versteht, der sich vier Abteilungen weiter gerade an der abgelaufenen Katzennahrung vergeht: „So, dann räumen wir mal den Einkaufswagen aus!“, lautet es verkündend, als wäre es die Errungenschaft unseres Daseins und von solch elementarer Wichtigkeit, dass man es einfach kommentieren muss.

Auch gut die älteren Herren, die sich im Wartezimmer hinsetzen und sagen: „So, dann setzen wir uns mal hin und warten!“ Dann ein Opfer suchend in die Runde blicken. Und wehe man wagt es, sie anzusehen. Dies gilt als Zustimmung, Einverständnis und Freifahrtschein zugleich, von diesem alten Sack an- und durchgelabert zu werden. Ob es dir nun passt oder nicht. Das ist mindestens ein genau solch eleganter Anfang für ein Gespräch wie die Frage „Mei, müssen Sie etwa auch hier warten?“ oder „Ja Herr Pretsch, was tun SIE denn hier!“ Ja, wohl nicht gerade den Ölwechsel vom Auto machen und ebenso wenig Rasenmähen, so viel dürfte klar sein. Wahrscheinlich aber warten. Weil dies ein Wartezimmer ist.

Gekrönt wird das alles meist mit dem i-Tüpfelchen der Sinnlosigkeit. Der hochheilige Nichtigkeitsnachsatz: „Hilft ja nichts!“ oder „Mei, was würden wir denn sonst tun!“ in Verbindung mit diesem künstlichen Lachen. Ja. Was würde man sonst tun? Hm?

Ganz ehrlich?

DIE DRECKSVERDAMMTE SCHEISSFRESSE HALTEN! Das kannst du tun, du abgeschissene Volldeppamsel. Herrgott nochmal, wie man den ganzen Tag nur so viel Scheiße labern und anderen damit dermaßen auf den Senkel gehen kann, das ist ja schon auf dem Niveau eines Radiomoderators. Ein normaler Mensch steht um sieben Uhr abends an der Kasse, weil er noch etwas kaufen will und einen langen Arbeitstag hinter sich hat, und nicht, weil er das nichtige kommentierende Scheißgelaber von irgendwelchen Langweilern hören will.

Erst letztens durfte ich zu genannter unheiligen Uhrzeit als Fünfter in einer Warteschlange Zeuge werden, wie ein solcher Herr an der Kasse vor mir einmal bewußt den Betrieb aufgehalten hat, einzig, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Es begann damit, dass er ein sinnloses Gespräch mit der jungen Kassiererin begann und sich aufplusterte, was er heute mit den Tomaten noch machen würde. Die Leute begannen schon aufzustöhnen. Dann musste ihm natürlich noch die Packung mit den Cocktailtomaten runterfallen, welche zu allem Überdruss auch noch aufging und den Inhalt über den Boden verstreute. „Mei, dann heben wir die Tomaten halt auf, nicht? Können mir eh nicht entkommen. Hilft ja nichts.“ Und meint Ihr, der hätte dann damit aufgehört? Pustekuchen. Selbst der vor mir flüsterte leise seiner Freundin zu, dass er ihn umnietet, wenn er nicht gleich seine Fresse hält, bezahlt und sich verpisst. Was ich natürlich relativ lol fand. Beifall hätte es von mir auf jeden Fall gegeben!

19 Uhr abends. Eine volle Kasse. Das wirklich Letzte, was man hier hören will, ist Smalltalk. Ebenso geht man zum Arzt, um das Anliegen möglichst schnell hinter sich zu bringen und nicht, um sich im Wartezimmer die Probleme anderer anzuhören. Als könnte man seine geistigen Dünnpfiffattacken und unwichtigen Kackprobleme nicht für sich selbst behalten. Kasse und Wartezimmer sind keine Orte, wo man Kontakte knüpft.

Man stelle sich nur mal vor, wenn das jeder machen würde.

Blase? Gefüllt. Kino? Gefüllt. Beste Voraussetzungen für eine Predigt.

Nächstes Mal, wenn ich während eines Kinobesuchs auf die Toilette muss, stehe ich nicht leise auf und schleiche mich geduckt hinaus. Nein. Ich werde mich in aller Größe erheben, meine Wampe hochziehen, demonstrativ den Gürtel darunter richten und lauthals verkünden: „So!“ (Theatrialische Pause) „Dann geh’n wir mal eben auf den Thron zum heftig Abscheißen, weil ich vorher Saft getrunken habe und bei mir sowas die Darmmaschinerie anwirft!“ oder „So, dann gehen wir mal raus, sonst muss ich noch meinem Vordermann ins Genick brunzen!“ Gekrönt würde dies alles noch durch ein „Hilft ja nichts, oder?“ werden. Spätestens dann hau ich mir aber selbst die Zaunlatte ins Gesicht.

Beim nächsten, live übertragenen Boxkampf hört man dann von einem Boxer: „Mei, dann hau‘ ich meinem Gegenspieler halt mal sauber in die Fresse.“ Darauf der andere sicherlich: „Mei, hilft ja nichts, oder?“ Vier Reihen weiter im Publikum: „Ja Herr Pretsch, was tun SIE denn hier!“ und gleich daneben eine ältere Dame: „Schauen Sie sich auch den Boxkampf an?“

Schlimm auch der eine über Siebzigjährige, der mich letztens mit seinen Problemchen belagert hatte. Er beichtete mir sein gar unsagbares Leid, dass er mit über siebzig Jahren immer noch arbeiten würde. Zwar könnte er auf der Stelle aufhören und würde über ein monatliches Nettomonatseinkommen von über zwei-tausend (!) Euro verfügen, aber arbeitet er weiter. Hashtag bescheuert.

Tja. Was soll man da noch sagen. Ja, da hinten seh ich eine Meldung? Was, zuhauen?Roundhousekick? Hm. Ja. Eigentlich ein recht guter Einwand. Aber wir sind brave Menschen und sowas tun wir nicht.

Bedauern. Ja. Bedauern ist das richtige Wort. Man kann dessen Armseligkeit nur bedauern. Ich haue mir ja auch nicht mit dem Hammer absichtlich auf die Hand und erwarte dann, dass ich irgendjemandem leid tue. Jeder ist der Schmied seines eigenen Vorschlaghammers, oder wie das heißt. Und wie man sein Leben führt, bleibt jedem selbst überlassen. Dafür hat man aber auch nicht das Recht, seinen Unmut über eigene Fehlentscheidungen an anderen auszulassen oder auf sie abzuladen.

Doch nichts für ungut, meine lieben Freunde, Besucher dieses Blogs und Leser dieser Zeilen. Ich hab Euch alle wirklich lieb, und es kann auch jeder überall ein Bussi hinhaben, wenn er nur freundlich genug fragt. Aber hätte ich die Chance, in dem Alter mit monatlich zweitausend Nettoflocken in Rente gehen zu können, nun, ihr könntet mich alle sowas von dermaßen an meinem bis dahin weißpelzigen Arsch lecken, dass‘ keine Worte mehr beschreiben könnten. So wie diese ganze Welt. Vor allem, weil ich halt nur noch nackert rumlaufen würde und es mir so. Was. Von. Wurst wäre, während alles unterhalb des Nabels zärtlich in Kniehöhe rumbaumelt und ich jeden Tag nur noch Pizza, Schokolade und Kekse fresse, bis‘ mich endgültig auf tausend Trümmer zerwirft. Aber sowas von egal wäre mir das! Siebzig Jahre? Zweitausend Flocken? Leckt mich. Leckt. Mich. Alle. Wenn man bis dahin nicht schon alles gemacht hat, was man im Leben machen wollte, ist’s ohnehin zu spät.

Dafür würde ich kein Wort darüber verlieren. Ich würde mich nicht in die U-Bahn bequemen und mich beschweren, dass ich in Rente bin und mir so unglaublich langweilig ist. Ich würde keine anderen Menschen zulabern und für mein kläglich versagendes Leben verantwortlich machen. Ja ich würde es noch nicht einmal kommentieren, dass ich nur mal eben zum Scheißen gehe.

Hilft ja nichts, oder?

Bildquellen:
Das Kassenband mit Waren:
https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AWarentransportband_bei_Aldi.jpg,
By Graf Foto (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Das Kino:
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By Fernando de Sousa from Melbourne, Australia (Flickr) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)%5D, via Wikimedia Commons